Netz-Antirassismus: Unser BarCamp 2019!

Mitte Oktober kamen mehrere unserer Autor*innen und Netzaktivist*innen in Berlin zusammen, um gemeinsam über migrantische Solidarität im Internet und Netz-Antirassismus zu sprechen. Unter unserem Motto Migrant Voices in Social Media haben wir uns im Rahmen des zweiten BarCamps zu unseren Themen, Gedanken und Fragen ausgetauscht, voneinander gelernt und vernetzt. Was dabei passiert ist und wie das ganze aussah? Seht selbst!

 

 

Save the Net: make it antiracist!

 

Nach dem Christchruch-Massaker und der immer lauter werdenden rechten und rassistischen Hetze auf online Foren, Social Media und Gaming Communities wird deutlicher denn je: Nicht erst seit dem NSU oder den Hetzjagden von Chemnitz 2018 ist der online Einfluss rechter, rassistischer Netzwerke auf den analogen Raum eine erschreckende Tatsache.

Doch so wie wir auf den Straßen, mit unseren eigenen Protest-Camps und Demonstrationen, Tribunalen, täglichen Selbstorganisationen und Antifa Gruppen entgegenhalten, so sind wir auch online widerständig. Ob auf YouTube mit Comedian Jilet Ayse oder feministischem Content Creator Tarek Tefsu, dem Hashtag #metwo, Blogs wie unserem oder dem von Upgration: wir sind organisiert, vernetzt und halten mit Solidarität dagegen!

 

 

Und das habe ich auch auf dem BarCamp gemerkt. Am Samstag, den 19. Oktober, haben wir uns zum zweiten BarCamp unter dem Titel Migrant Voices in Social Media offline getroffen, um uns über unseren online Widerstand auszutauschen. Von “Wie können wir uns gegen Hate Speech wehren?” bis hin zu “Wie prägen Social Media, online Kunst und Campagnen unsere Identität und wie empowert es uns?” war es ein Tag voller Eindrücke, Fragen, Gedanken und Input für mich. Insbesondere das Format des BarCamps, was kein Programm vorgibt, sondern es uns selbst gestalten lässt, war für mich besonders am Tag.

 

Zwischen solidarischem Kollektiv und narzistischem Individualismus?

Was empowert dich an Social Media? Ist die individuelle Selbstdarstellung nicht eigentlich weniger solidarisch und doch eher narzistisch und ego-bezogen? Widerspricht ein Instagram Account, wo es nur um die Selbstdarstellung der Person oder der individuellen Arbeit geht, nicht einem kollektiven Gedanken und Organisation? Obwohl Social Media wie Instagram, Facebook und Twitter viel als Plattform der individuellen Selbstdarstellung genutzt werden, bin ich mit dem deutlichen Gedanken aus der ersten Session zu Storytelling und Empowerment, rausgegangen: beides geht und ich nenne es solidarischen Individualismus!

 

Lonely Wolfin

Meiner Meinung nach kann Social Media unterschiedlichst genutzt werden. Einerseits als Plattform der Selbstdarstellung, andererseits als Plattform der Vernetzung und des Austauschs. Beides widerspricht sich für mich aber nicht.
Social Media erleichtert antirassistische, linke Selbstorganisation: Durch Gruppen zum Austausch, Vernetzung, Informations und Ressourcen-sharing, aber auch zum Sichtbarmachen von Veranstaltungen und der eigenen Arbeit. Außerdem: Auch wenn es dazu genutzt wird Selfies von sich hochzuladen und über seine Realität zu sprechen, fiel uns immer wieder auf, wie uns auch das empowert und Social Media ganz unterschiedlichst genutzt werden kann. Accounts wie z.B. yugodeinesvertrauens, habibitus oder karakaya talk geben uns mit ihren Bildern, Gedanken, Gesprächen, Chai-Runden Strategien an die Hand, um uns wehren zu können und uns andererseits nicht mehr allein zu fühlen. Klar, Social Media ist auch eine narzisstische Plattform, wo es um Selbstdarstellung geht. Und ja, das passiert meist allein am PC, Handy, Tablet whatever.. aber ganz ehrlich? Erstens wird Social Media verschiedenst genutzt und zweitens: auch diese Selbstdarstellung kann mir lonely wolfin in einigen Bereichen manchmal gut tun und zeigen, dass ich nicht allein bin. Dass ich nicht allein von Rassismus, Sexismus, intersektionaler Diskriminierung … betroffen bin. Je nachdem wie diese Selbstdarstellung eben aussieht und vielleicht auch gegen den Strom schwimmt…

 

Der Internet-Kuchen

Indem andere Worte finden, ihre Erfahrungen benennen und mit Bildern und Videos ihre Normalität darstellen, gestalten sie für mich den digitalen Raum mit und nehmen ihn aktiv antirassistisch und mit einer Selbstverständlichkeit ein, die meine Realität auch zu einer Norm macht – und nicht mehr nur ausländisch oder migrantisch heißt. Es ist wie Zutaten für einen Internet-Kuchen: Je mehr wir uns darstellen, zeigen, laut und sichtbar werden, desto größer wird der Kuchen, weil wir unsere Zutaten dazugeben und desto proportional kleiner wird der schlecht-schmeckende Bitterland-Anteil. Fragen, ob das Internet oder Plattformen wie Instagram dennoch für ein Kollektiv die richtige Arbeitsplattform ist, kann man sich trotzdem stellen und auch das ist immer wieder in Diskussionen an dem Tag zur Sprache gekommen.

 

Online Monline – Offline Moffline

Auch ob Internet-Aktivismus den Offline-Aktivismus ersetzt und damit weniger Menschen auf der Straße sichtbar werden, haben wir uns gefragt. Solidarität durch Retweets und Hashtags sind ja schön und gut – aber wo sind wir laut und sichtbar auf der Straße?
Wo sind wir organisiert und vernetzt im realen Leben?  Sitzen wir überhaupt noch zusammen und diskutieren über Uneinigkeiten oder lösen unsere Algorhythmen für uns jeglichen Konflikt noch bevor er entsteht, indem er uns konträre Meinungen gar nicht erst angezeigt? Zwischen comfort zone endlich finden + self-care und konfliktfähig bleiben + Widersprüche aushalten. Zwischen Empowerment und Hate Speech. Zwischen Outcallen und Solidarität. Zwischen Online und Offline. Ist das alles so ein Widerspruch oder müssen wir das zusammen denken? Und wenn ja wie?!

 

Hashtags eine neue Form der Selbstorganisation?

Online Sichtbarkeit ist eine neue Form der  Sichtbarkeit. Hashtags eine neue Form der Selbstorganisation? Viele Fragen, verschiedene Antworten. Internet vereinzelt? Ja, wir sitzen einzelnd vor unseren Laptops und Handys, aber es bringt uns auch zusammen und zeigt uns auf, dass wir nicht allein sind und dass wir nicht die einzigen sind, die Rassismus oder Sexismus oder Ableismus oder Transfeindlichkeit oder oder erleben. Es ist Einzelarbeit in einem kollektiv gestaltbaren Raum. Dennoch ist dabei auch wichtig, aus der Einzelarbeit immer wieder rauszukommen und ins Kollektiv zu gehen. Jede*r kann ihren/seinen/_ Beitrag individuell dazu geben, dennoch brauchen wir auch das Zusammenkommen im offline Raum. Online Plattformen zum Austausch nutzen, Social Media Gruppen für Info & Input, Empowerment und Selbstrepräsentation zählen alles zur gleichen antirassitischen Arbeit dazu. Das Offline Zusammenkommen ist uns dabei aber genauso wichtig, haben viele von uns gemerkt, auch um die Balance zu halten und weil wir Bock haben, die Menschen hinter den Tweets, Fotos, Videos kennenzulernen und gemeinsam was zu machen.

 

Solidarity on our deepest level

Dabei waren, sind und werden wir uns nicht immer einig sein – denn so wie wir unterschiedliche Positionen innehalten, ist auch unser Umgang mit verschiedenen Themen divers. Aber eins einte uns alle:

Wir alle verstehen uns, ob online oder offline, als antirassistisch und organisieren weiterhin unsere Solidarität. Denn We are connected on the deepest level! Aber seht selbst…

 

 

 

 

Bild: Backbone Campaign CC