Moviement Filmfestival: Rassismus und Widerstand

Zwischen Oktober und November 2019 war unsere Autorin Laura Shirin auf dem Moviement Filmfestival, der Rosa Luxemburg Stiftung, in Athen. Das Thema? Migration. Zwischen Rassismus und Widerstand, Fragen nach Identität und Wahnsinn: Sowohl in den Filmen als auch in den Gedanken unserer Autorin, tut sich eine Bandbreite auf, die kaum in das Wort Migration passt. Aber lest selbst…

Moviement Filmfestival in Athen
Gibt es sowas?

Ich sitze hier im Hotel, auf meinem Bett, und starre die Wand an.
Das Fenster geht zum Innenhof hinaus, von wo man die fast schon königlichen Kronleuchter sehen kann, die die Bar beleuchten. Ich weiß nicht weiter.

Wir sind in einem fünf Sterne Hotel untergekommen und ich frage mich, ob die Daunen hier besonders weich sind und in der Lage sein werden meine schweren Gedanken wegzudownen.
Gibt es sowas wie die Revolution, die Grenzen abschafft, Kolonialismus beseitigt, Rassismen ausradiert, Menschen eint und Hass zerfetzt?
Gibt es sowas?
Die Gedanken lassen mich nicht los, knabbern unaufhörlich an meinem Gehirn, fangen an sich zu verwirren und ich werde, ohne Scheiß, innerhalb der ersten zwei Stunden Filme gucken, irre.

 

Mein Wille zum Widerstand

Ich komme gerade vom ersten Film des Moviemiento Filmfestivals, der Rosa Luxemburg Stiftung, in Athen. Dort werden von Mittwoch bis Sonntag Filme mit Bezug zu Migration gezeigt – viele zum Thema Flucht aus dem globalen Süden in den Norden, jedoch nicht alle. Die Auswahl ist riesig und von spielfilmähnlichen bis hin zu poetischen Kurz- oder wieder längeren Dokumentarfilmen ist alles dabei. Migration – in Zeiten, in denen es viel um Flucht geht – ein hochpolitisches Thema.
Migration, Rassismus und „Post“-Kolonialismus, Sexismus, Fragen nach Staatsangehörigkeiten, zwischen Identität und Wahnsinn – nationale Grenzen, die einen aufzufressen scheinen.

Es gibt zwei Kinosäle. Einen großen mit roten Sitzen und einen kleinen mit türkisfarbenen. Die Sitze sind bequem, die Themen nagen an meinem Nervenkostüm.
Alle Filme tragen eine gewisse Schwere in sich und die Kaffeepausen zwischendrin werden mir die Trauer nicht wegspülen können in den nächsten Tagen. Meinen immer wieder auflodernden Willen zum Widerstand und das Gefühl der Gemeinschaft und unendlichen Solidarität aber auch nicht.

Vom Hotel zum Kino sind es circa 5-10 Minuten zu laufen. Zusammen mit meinem Kollegen haben wir uns schon auf einige Filme geeinigt, die wir gemeinsam sehen wollen und einige andere, die wir separat schauen. Was ich noch nicht weiß, dass ich teilweise so überrollt sein werde, trotz Trailer und Ankündigungstext, dass ich einige Filme, die ich mir vorgenommenen habe, nicht anschaue. Die  5-10 Minuten Fußweg zum Hotel fühlen sich dabei, mit jedem Schritt, wie ein Wiederzusichkommen an. Trotz der Hakenkreuze in der Straße zum Hotel.
Neben vielen lokalen Besucher*innen, sind auch Regisseur*innen und/oder Progatognist*innen und weitere Expert*innen zu einigen Filmen da. In Panels und Diskussionsrunden werden sie sich vorstellen, Input geben und sich im Anschluss Fragen stellen lassen, die sich in meinem Kopf oft wie schmerzhafte Wiederholungen von rassistischer Rhetorik anfühlen.
Warum kommen sie hierher?
Warum bleiben sie nicht da?
Warum gehen sie nicht zurück?

 

A Maid for Each, 30.10.

Der erste Film, nach dem ich nun die Decke anstarre, heißt „A Maid for Each“ und handelt von sogenannten ‚maids’ (Dienstmädchen). Frauen, die als Maids im Libanon arbeiten und aus überwiegend afrikanischen oder anderen asiatischen Ländern kommen. Aber Maids gibt es nicht nur im Libanon. Sondern überall. In Deutschland, in Griechenland,… Wie eine Ware werden sie gehandelt und im Film wird ein vielseitiges Portrait über die Vermittlungsagentur gezeichnet. Es scheint weder wertend noch emotional zu sein. Es wird eine rohe, fast schon skizzenartige Atmosphäre im Film geschaffen, die mich zeitgleich fesselt und so unruhig werden lässt, dass ich mich kaum auf meinem Sitz halten kann.

 

Das offene Geheimnis

So wie in dem Film gezeigt wird, dass die Maids, die die gesamte Hausarbeit machen, allgegenwärtig sind – so sind kein einziges Mal die Gesichter der eigentlichen Protagonistinnen in dem Film zu sehen.
Als wären sie Geister – immer da und niemals sichtbar zugleich. So wie auch im echten Leben vor Ort: unsichtbar, stetig arbeitend, ohne jemals wirklich Teil der Lebensrealität der Familien zu werden, ohne Mitglied der Gesellschaft sein zu dürfen, ohne anerkannt zu werden; dennoch allgegenwärtig aufzeigend, wie eine Zweiklassengesellschaft passiert.
Wer ist daran Schuld? Wer verfestigt diese Struktur? Warum? Und Wie?

Die unausgesprochene Norm des Aberkennens. Des Nichtbenennens. Es ist wie ein offenes Geheimnis. Alle haben sie. Die Maid. Aber niemand darf sie jemals bei den anderen sehen oder über sie reden.
Niemand würde jemals sagen, dass er/sie seine/ihre Maid schlecht behandelt. Aber über Mindeststandards und gute Arbeitsbedingungen spricht auch nie jemand. Genauso wenig wie über die hohe Selbstmordrate der Frauen, die als Maids arbeiten.

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Am nächsten Tag gehen mein Kollege und ich essen. Die Straße vom Hotel zum Kino ist mit Hakenkreuz und linken smash-the-golden-dawn-party-Plakaten versehen.
Das Hakenkreuz prangert an der Hauswand, die Plakate schmeißen ihre solidarischen Fäuste dagegen.

 

We consume them, 1.11.

Es gibt mehrere Kurzfilme; teilweise unmittelbar hintereinander. Das Verdauen fällt mir dabei immer schwerer.
„The Migrating Image“ erfasst Migration anhand von Drohnenaufnahmen sowie militärischem und Satelliten Videomaterial. Die Art der Aufnahmen peitscht einem ins Gesicht. Und nicht nur die Herkunft des Videomaterials gibt mir einen bitteren Nachgeschmack mit:

This film draws our attention to images we have never seen but also images we have seen but never noticed. […] Based on photos of refugees, it turns the camera back on us – as we created them and ultimately consume them.

Konsum. So fühle ich mich immer wieder inmitten der Filme. Ich habe das Gefühl diese Filme sind alle so wichtig und sollten von so viel mehr Menschen gesehen werden. So gewichtig, dass viele Informationen und Emotionen erstmal Zeit brauchen. Ich gehe immer wieder raus zum Atmen.

 

The Way Home, 31.10.

Von der Drohnenansicht zoomt meine Erinnerung zu Waels Film, der einen Tag vorher lief. Wael Kadlo ist auch auf dem Filmfestival. Auch wenn ich das Wort Festival in diesem Zusammenhang fast schon ironisch finde, bin ich auch fast schon kitschig dankbar dafür, dass sich unsere Wege und die vieler anderer Künstler*innen und solidarischer Menschen dort kreuzen und wir gemeinsam immer wieder Luft holen. Sein Film ist eine Nahaufname und zeigt eindrücklich wie verworren Leben und Beziehungen, und verwoben diese mit allgegenwärtigen politischem Geschehen sein können. Die intime Suche nach Antworten zeigt ihn mit tausend Fragen zu seiner Kindheit und der Nicht-Anwesenheit seiner Mutter. Immer wieder sind dabei Orte für ihn wichtig, die später in Syrien zu Knackpunkten in der Krise werden.
Ein so liebevolles und gleichzeitig ehrlich fragendes Portrait. Zwischen Leinwand und realen Begegnungen, manchmal verschwamm’ alles.

 

Exilées, 1.11.

Im späteren Anschluss an „The Migrating Image“ folgte der Kurzfilm „Exilées“. Beide Filme haben so eine unfassbare Bildsprache, dass ich am liebsten eine Cay-Pause dazwischen gehabt hätte, wo ich meinem schwarzen Tee beim Tee-Sein zugucken hätte können. Es ist eine Nachzeichnung zweier Frauen, die alleine auf der Flucht sind. Sie erzählen davon, was sie erlebten und welche Art von Verfolgungen, Gewalt sie ausgesetzt und welchen Forderungen sie gerecht werden mussten. Ihre Gesichter sind nie ganz zu sehen, doch hier wirkt es ganz anders als im Film „A Maid for Each“.
Es geht nicht um ihre Unsichtbarkeit. Sondern gerade darum, dass die Protagonistinnen des Films sehr Persönliches teilen, ihren Widerstand und Kampf sichtbar machen, aber irgendwann ankommen werden. Ihre Erzählungen verschmelzen in meinem Kopf mit den Worten der Filmregisseurin.

There is a right to forget about your past and the things which happened to you.

Sie haben das Recht auf vergessen. Ager Oueslati findet klare Worte in der Fragerunde.
Sie erzählt auch, wie eine der Protagonistinnen einige Monate nach dem Dreh des Films gestorben ist. Manchmal hält man Momente für die Ewigkeit fest. Und ich vergesse dabei, dass Menschen nicht ewig leben.
Sie starb nicht einfach so.

Am gleichen Abend wird „Idrissa: Chronicle of an Ordinary Death“ gezeigt. Idrissa Diallo ist in sogenanntem ‚migrant detention center‘ in Barcelona gestorben.
Wie ist das möglich?, fragen sich tausende Menschen auch bei Oury Jalloh, Yaya Jabbi und weiteren in Haft gestorbenen vor allem Schwarzen Männern. Zwei Aktivist*innen der Oury Jalloh Initiative, die auch dieses Jahr zum 15. Mal, an seinem Todestag, mit einer Demonstration an ihn gedenken und anklagen, sitzen im Anschluss auf dem Podium zur Paneldiskussion „Death in Custody: Institutional Racism as an Accessory“ und sprechen über ihre Arbeit und zeigen Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Fällen auf – am Ende sind es keine Einzelfälle mehr. Er starb nicht einfach so.

 

Across the Horn, 2.11.

Am Tag darauf gab es erneut mehrere Kurzfilme hintereinander. Der poetische Film „Cedar Wolf“ berührt mit seinen Gesten. Ein afghanischer Junge, der in einem italienischen Dorf durch das Handwerk mit Holz eine gemeinsame Sprache mit einem alten italienischen Herren findet. Daneben die dokumentarische Arbeit „Across the Horn“ von Oualid Khelifi. Letzterer zeigt Menschen auf dem Weg von Ostafrika zur Arabischen Halbinsel.
Über Dschibuti nach Yemen ist das Horn of Africa Zeugin von Fluchtbewegungen, die nicht in den globalen Norden gehen und exemplarisch für die 80% stehen. Die 80%? Sind die Geflüchteten, die laut UNHCR in Nachbarländern ihrer Heimatstaaten aufgenommen wurden.
Wie sehen Migrationsbewegungen, die nicht nach Europa gehen, aus? Wenn alte Handelswege genutzt werden, um nationale Grenzen zu überwinden. Zwischen wunderschönen Bildern, die die Route ausmachen, Migrant*innen, die ihre Migration zu Fuß hinter sich bringen, Zeug*innen und Schmugglern, die ihr Geld damit verdienen, Menschen über Grenzen zu bringen, die im Sand verlaufen. Die Sonne scheint dabei, zwischen wärmend und zerschmelzender Hitze.

 

Irgendetwas wie Balsam

Zwei Kolleg*innen und ich finden zum Luft holen immer wieder zusammen. Mehr und mehr gesellen sich da einige andere dazu, die das gleiche Betroffenheitsgefühl haben. Racism creates a bond in the hearts of the resisting.
Es fühlt sich komisch und stärkend an, dass wir, inmitten all dieser Menschen, immer wieder irgendwie alle umeinander schwirren. Ohne uns zu kennen, fühlen wir uns immer wieder nah. Und ohne dass es jemand wollte, macht sich ein Graben auf. Ein Erfahrungsgraben, der mich bewusster am Hakenkreuz vorbei laufen lässt, während andere es kaum wahrnehmen.
Ich nehme die Hand meines Kollegen, der vielmehr mein Verbündeter ist. Wir sind kein Paar, wir sind keine Liebenden, wir sind keine Kollegen, wir sind keine Fremden. Wir sind Verbündete in unserer Sichtbarkeit als schwarzhaarige und gelabelte Allzeit-Migrant*innen, in Solidarität, auch wenn er andere ERfahrungen macht als ich.

Zum Beispiel dass ihm in Deutschland immer wieder zu verstehen gegeben wird, dass er als Bedrohung verstanden wird. Wie die Kontrollen am Flughafen. Ohne große Worte, einfach mal rausziehen und extra kontrollieren, wie sonst auch jedes Mal: beim Einchecken, bei den Sicherheitskontrollen beim Hinflug, beim Ticketkauf für den Bus, beim Ins-Hotel-in-Athen-gehen, bei den Kontrollen für den Rückflug. Er hat schwarze Haare, einen Vollbart.
 Stereotypen haben uns ja schon oft vor ungewollten Risiken gerettet hab ich gehört. Nicht.

 

Mediterranea, 2.11.

Der Künstler und Protagonist des Films „Mediterranea“, Koudous Seihon, war auch anwesend. Er hat seine eigene Geschichte als Film produziert und eine unfassbare Art und Weise gehabt diese zu erzählen. Ein in seiner Rohheit kostbares, abgerundetes, widerständiges Erzählen, was das Herz auf so vielen Ebenen berührt, dass es gut und zugleich weh tut. Ich finde noch immer keine passenden Worte.
Den Film hat er nicht für uns in Europa gemacht, sagt er anschließend in einem Interview mit uns. Den Film hat er für sich und seine Freund*innen, seine Leute gemacht.

 

Kein Vergessen, habibi

Am letzten Tag, sind wir zu einer Bucht gefahren. Haben aufs Meer geschaut. Versucht zu vergessen und gleichzeitig niemals zu vergessen, was wir gehört, gesehen, gesprochen und verstanden haben. Zum Beispiel, dass wir nicht allein sind.

Dass Rassismus und Kolonialismus, dass all-time-allgegenwärtige-Scheiße immer wieder aufgezeigt und entnormalisiert wird.
Es werden Gewalttaten benannt, immer und immer wieder.
Es wird sich gewehrt und zusammengetan, stetig und immer mehr.
Und es wird gesehen was passiert und nicht vergessen. Es wird angeprangert.

Und Betroffene vergessen nicht. Und Betroffene wissen.

Denn wir haben den zweiten Gaze. Wir wissen was die Struktur ist, wie sie aussieht, welche Namen oder Kleidung sie trägt, welche Sprache sie spricht.
Wir können die Kleidung nähen,
die Namen sagen,
die Kleidung tragen.
Aber zeitgleich sind wir in der Lage auch unsere eigene Kleidung zu nähen, unsere eigenen Namen zu sagen, die ihr wegen fehlender Muskeln never aussprechen werdet können, unsere eigene Sprache zu sprechen.

Ihr sprecht Deutsch und Englisch? Spanisch und Französisch? Holländisch und Portugiesisch?
Wir sprechen Wolof, Swahili, Farsi, Dari, Tiwi, Luganda, Nahuatl, Arabisch, Quechua, Kurmanci, Sorani…

… und wir sind überall allgegenwärtig. In jedem Gewürz, was du isst, in jedem Urlaubsfoto was du schießt, in jeder Technik, die du benutzt, in jedem Sonnenstrahl, den du genießt.
Migration ist Realität.
Und wir sind real habibi. Deal with it!

 

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