»Und wer bist du?« »Ausländerin natürlich!«

Migration war schon immer ein wichtiger Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Unsere Autorin hat das neue Buch von Jan Plamper zusammengefasst, das neue Perspektiven auf die Bedeutung von Migranten und Migrationen aufzeigt und wie diese zu einem Grundstein in der heutigen deutschen Gesellschaft wurden.

Beides geht zusammen, individuelle und kollektive Identität schließen einander nicht aus.

 

behauptet Jan Plamper in seinem Buch “Das neue Wir – warum Migration dazugehört. Eine andere Geschichte der Deutschen”.

Plamper fordert in diesem Buch die Konstruktion einer neuen deutschen Kollektividentität, die von Migration geprägt ist und von ihr mitgestaltet wird.

Hat Frau sich mit den Diskursen um Mehrfachidentitäten in einer Einwanderungsgesellschaft auseinandergesetzt, ist Plampers Appell auf dem ersten Blick keine Neuigkeit und schon gar nicht ein Einzelfall. Naika Foroutans “die postmigrantische Gesellschaft: ein Versprechen über die plurale Demokratie” und Ferda Atamans Buch “Ich bin von Hier. Hört auf zu fragen!” sind zwei Werke, die relativ zeitgleich mit Plampers “Das neue Wir” in Deutschland erschienen sind. Sie beschäftigen sich zwar mit unterschiedlichen Ansätzen, aber mit ähnlichen Themen rund um Identität und Repräsentation in der deutschen Gesellschaft über das Migrantische hinaus.

 

Was ist aber dennoch das Neue bei Plamper?

 

Das Neue sind sein Ansatz und sein Stil: Er arbeitet historisch und erzählt eine Geschichte. Eine Geschichte Deutschlands, bei der Migration ein konstitutives Element, den Motor der deutschen Geschichte darstellt. Plamper ist Historiker am Goldsmiths  College und erzählt hier eine Geschichte, die voll mit historischen Fakten und Details, aber dennoch sehr persönlich ist.

Das Buch beginnt mit einem Kapitel zur Geschichte der deutschen Auswanderung. Es Ruft uns in Erinnerung, dass Migration im Deutschen Lande Normalität gewesen ist. Die sogenannte Binnenmigration innerhalb deutscher Fürstentümer aber auch die Übersee-Auswanderung nach Amerika im Rahmen der Eroberungszüge, sowie später in Form von Arbeitsmigration, sind einige der Kernelemente deutscher Auswanderung gewesen. Insofern wird deutlich, dass Migration den Deutschen nicht fremd ist und schon immer dazugehört hat.

In den darauffolgenden Kapiteln, geht Jan Plamper detailliert auf die verschiedenen Gruppen ein, die im Laufe der Geschichte nach Deutschland eingewandert sind. Zunächst geht   es um   Deutsche   Vertriebene   im   Rahmen  massenhafter Zwangsumsiedlungen,   vor,   im   und   nach   dem   ersten   Weltkrieg.   Danach   folgen   die Einwanderungsgeschichten der Arbeitsmigrant*innen in Nachkriegsdeutschland, in der BRD und der   DDR. Ein Kapitel ist dem Thema Asyl gewidmet; Dessen juristische, politische Entwicklung und die Bedeutung dessen für die Menschen, die als Asylsuchende nach Deutschland gekommen sind. Weiter geht es mit der Geschichte der Russlanddeutschen, deren Ankunft bzw. Rückkehr nach Deutschland, und ihre Erfahrungen in der neuen, alten Heimat. Darauf folgt ein Kapitel zu den jüdischen Kontingentflüchtlingen. Plamper schließt sein Buch mit einem Kapitel zu dem, was 2015 als die deutsche Willkommenskultur bekannt wurde. Es geht dabei um die Geschichte derjenigen Menschen, die seit 2015 als Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind, und das zivilgesellschaftliche Engagement für Geflüchtete zu dieser Zeit, das Plamper als ein “außergewöhnliches Ereignis in der Geschichte der Bundesrepublik” bezeichnet.

In allen dieser Kapiteln erzählt Plamper neben historischen Fakten, Geschichten von einzelnen Personen: Es sind die Geschichten von Ibraimo Alberto, Dmitrij Belkin, Leonie Biallas, Hassan Ali Djan, Osaren Igbinoba, Emma Neumann, Ioannis Petridis, Ana Maria Ferreira Silva, Emilia Smechowski, Alev Yildirim. Dieser Ansatz wird im englischen Sprachgebrauch als Oral History bezeichnet. Dabei werden historische Ereignisse anhand von Geschichten der Menschen, deren Schicksale exemplarisch für diese Ereignisse sind, veranschaulicht.

Das Buch schließt mit dem Bekenntnis ab, dass diese Geschichten deutsche Geschichte sind, und dass die Identitäten dieser Menschen für die kollektive deutsche Identität von elementar Bedeutung sind. Plamper appelliert dabei für eine deutsche Kollektividentität, deren juristischer Rahmen die Staatsbürgerschaft ins Zentrum setzt, inhaltlich Identität über Vielfalt entwirft und emotional mit Toleranz verbindet: “ Toleranz ist als Haltung typisch für uns, wir identifizieren uns emotional damit und sind stolz darauf, dass etwa visuell markierte Andere, sichtbare Minderheiten, ihres Lebens und Wohles sicher sein können”.

Plampers Buch ist insofern ein wichtiges Buch, als dass es zeigt, dass Migration nicht nur heute unsere Gesellschaft prägt, sondern zu unserer Geschichte gehört, uns schon immer begleitet hat und höchstwahrscheinlich immer begleiten wird.

 

Wo greift „das neue Wir“ dennoch zu kurz?

 

Um Pluralität leben zu können, um sie als identitätskonstituierendes Element mitzudenken, gilt es die Machtverhältnisse zu reflektieren, die unsere Gesellschaft dominieren. Pluralität kann nicht gelebt werden, ohne den Kampf derjenigen, die beim Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen benachteiligt werden. Über die Toleranz und die Akzeptanz des Anderen hinaus, geht es um radikale Gleichheit.

Es geht darum, dass Ungleichgewicht der Machtverhältnisse zu bedenken, das Pluralität im Wege   steht.   Denn  Toleranz   alleine   genügt   nicht,   wenn   Privilegien   für   manche   und Benachteiligung für andere außer Acht gelassen werden. Toleranz wird hergestellt, wenn feministische,   antirassistische   und   Klassenkämpfe   um  radikale   Gleichheit   in   der deutschen Gesellschaft geführt und in ihrer Bedeutung anerkannt werden. In diesem Sinne gilt es neben der Konstruktion einer solidarischen Kollektividentität, die Akzeptanz von Partikularidentitäten (Frauen, PoC, Geflüchtete, LGBTQI etc.), und ihren Anspruch auf gesellschaftliche Sichtbarkeit und Gleichbehandlung zu stärken.

Damit einhergehend gilt es auch Machtverhältnisse auf globaler Ebene zu reflektieren. Eine inklusive nationale Kollektividentität ist notwendig, kann jedoch ohne das, was uns global bewegt, wie der Klimawandel, die ausbeuterischen kapitalistischen Produktionsverhältnisse und die damit zusammenhängende globale Migration nicht gedacht, geschweige denn etabliert werden. Denn das, was global geschieht, bewegt uns in unserem lokalen Alltag.

Nichtsdestotrotz hilft Plamper mit seinem Buch dem deutschen Kontext, Migration aus einer anderen Perspektive zu sehen, sie historisch zu denken und sie somit endlich nicht mehr als Ausnahmezustand,  sondern  als  das,  was   sie  ist,  nämlich,  ein  ureigener   Bestandteil menschlichen Zusammenlebens, zu verstehen.

Es ist deshalb ein Buch, das es sich zu lesen und zu verstehen lohnt.

Bild: Dan Machold CC

 


Bahar Oghalai