Die Neuen Deutschen Organisationen – Wer, wie, was?

Anfang Februar waren wir vom Young Migrants Blog auf dem Bundeskongress der Neuen Deutschen Organisationen (NDO). Nach dem Besuch der Veranstaltung „Sternstunden der ndo – wie alles begann, wohin es gehen soll“ schreibt unsere Autorin einen Steckbrief mitsamt Porträt von Ferda Ataman.

Steckbrief:

Wer sind die Neuen Deutschen Organisationen?

Die NDO sind ein deutschlandweites Netzwerk von rund 100 Organisationen, Projekten und Vereinen. Darunter finden sich ganz unterschiedliche Gruppen wie z.B. die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V., das muslimische “Satire-Kalifat” Datteltäter, Each One Teach One (EOTO) e.V., oder auch Deutscher.Soldat e.V. Wichtig ist vor allem eines: Alle Mitglieder sehen sich als Teil der post-migrantischen deutschen Gesellschaft und engagieren sich für mehr Inklusion.

Wie kam es zu den NDO?

Nach der Veröffentlichung des Buchs „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin im Jahr 2010 und der darauf folgenden rassistisch aufgeladenen Debatte gründeten sich viele neue Initiativen und Organisationen mit so kuriosen Namen wie: „Buntesrepublik“, „DeutschPlus“, „Typisch Deutsch“ u.a.

Daraus entstand Anfang 2015, zum Höhepunkt der PEGIDA Bewegung, die Idee, diese Gruppen bundesweit zusammen zu bringen. Eine zivilgesellschaftliche Vernetzung von bisherigen Einzelkämpfer*innen sozusagen. Mit Hilfe der Bundeszentrale für politische Bildung konnte ein erstes Treffen realisiert werden.

Was wollen die NDO?

Die NDO verstehen sich als Interessensvertretung, die sich vor allem um Sichtbarkeit und Teilhabe in Deutschland bemühen. Die NDO stellen die Werkzeuge und Strukturen zur Verfügung, mit denen die Stimmen von migrantischen, bzw. „neuen deutschen“, Organisationen nach Außen gestärkt werden können.

Ferda Ataman formulierte es bei der Podiumsdiskussion salopp:

„Sichtbarkeit, Mitreden, Mitsprache – Empowerment und Selbstbestärkung. Ich finde es wahnsinnig wichtig, nach außen hin zu kommunizieren: Hallo?! Ihr könnt nicht so über uns reden.“

Ferda Ataman: Ein Porträt 

Als Innenminister Horst Seehofer sich ihretwegen weigerte, am Deutschen Integrationsgipfel im Juni 2018 teilzunehmen, war das Geschrei groß. Ihr Artikel, der vehemente Kritik am Heimatministerium übt, hätte Seehofer mit nationalsozialistischer Blut-und-Boden-Ideologie in Verbindung gebracht. Als ich im Vorfeld des NDO-Kongresses den besagten Artikel las, klatschte ich innerlich Beifall.

„Politiker, die derzeit über Heimat reden, suchen in der Regel eine Antwort auf die grassierende »Fremdenangst«. Doch das ist brandgefährlich. Denn in diesem Kontext kann Heimat nur bedeuten, dass es um Blut und Boden geht: Deutschland als Heimat der Menschen, die zuerst hier waren.“

(Ferda Ataman, „Deutschland, Heimat der Weltoffenheit“, Ermutigen No. 20, Mai 2018)

Migration, Die Neuen Deutschen Organisationen – Wer, wie, was?
Ferda Ataman während der Podiumsdiskussion “Sternstunden der ndo – wie alles begann, wohin es gehen soll”.

Ferda ist von Haus aus Journalistin, sie studierte am Otto-Suhr-Institut Politikwissenschaft und absolvierte die Berliner Journalisten-Schule. Woher sie kommt? Ihre Eltern sind aus der Türkei nach Deutschland eingewandert, sie selber ist in Nürnberg aufgewachsen. Ihre Karrierelaufbahn ist beachtlich: Sie ist Mitbegründerin des Vereins Neue deutsche Medienmacher und des Mediendiensts Integration, sie schreibt für überregionale Zeitungen, darunter die Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und Spiegel Online. Und sogar mit dem Young Migrants Blog hat sie schon bei unserem BarCamp für Netz-Antirassismus auf dem Podium mitdiskutiert. Ebenfalls arbeitete sie nach ihrem Studium als Redenschreiberin für Armin Laschet, damals Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen. Heute kann auf der NDO-Webseite nachgelesen werden:

„Wir wollen keine Integrationspolitik, sondern eine Gesellschaftspolitik für alle.“

Bei der Podiumsdiskussion sitze ich in der ersten Reihe und schreibe fleißig mit. Ferda sitzt zwischen Karim El-Helaifi, stellvertretender NDO-Sprecher und Mitbegründer des Vereins Schülerpaten Berlin, und der Moderatorin Nasiha Ahyoud. Es ist eine kleine Runde von eloquenten „neuen deutschen“ Akademiker*innen, die auf bundespolitischer Ebene Ziele formulieren, über Chancengleichheit und Antidiskriminierung sprechen.

Migration NDO
Karim El-Helaifi (l-r), Ferda Ataman und Moderatorin Nasiha Ahyoud.

„Die Heimatdebatte enthält eine bestimmte Message in eine bestimmte Richtung. Da möchte man bestimmte Menschen abholen, die Heimatsverlustgefühle haben,“

so Ataman auf dem Podium. „Ich finde es ganz einfach: In der Bundespolitik sollte man keine Gefühle zur Abteilung machen. Eine Heimatabteilung ist eine Gefühlsabteilung.“

Dafür plädiert sie für einen Heimatbegriff, der alle Menschen miteinbezieht und sich nicht nationalsozialistisch vorbelastetem Vokabular bedient.

Beeindruckt und nachdenklich gestimmt eile ich nach der Podiumsdiskussion auf die nächste Veranstaltung. “Ich fühle mich [Horst Seehofer] verbunden, weil wir eine Heimat teilen”, so sprach Ferda in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Ich fühle mich dem deutschen Innenminister kein bisschen verbunden, aber das sollte der neue Heimatbegriff aushalten.

Bilder: Privat

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