Eine unfreiwillige Kartoffel. Oder: Die andere Fratze des Alltagsrassismus

Wie genau funktioniert Alltagsrassismus? Was verbindet queere und migrantische Erfahrungen? Alltagsrassismus handelt nicht nur vom immer als anders gesehen werden, sondern auch vom gleich gemacht werden.

 

weiße Schuhe mit schwarzer Spitze auf weißem Pflaster mit schwarzen Rechteck
Ordnung & Identität

Meine Freunde sind Rassisten

schreibt Fatma. Und damit hat sie Recht. Meine auch. Meine auch, aber anders. Auf diesem Blog und auch an anderen Orten wurde schon viel von Alltagsrassismus gesprochen. Oft erzählen meine compañeros dann von ihrer Erfahrung, wie sie ihr Leben lang immer als “das Andere” wahrgenommen und damit ausgegrenzt werden. Wenn du immer als – je nach Wahl – Ausländer*in, Migrant*in, PoC, o.ä. adressiert und stigmatisiert wirst, wird dir letztlich auf Schritt und Tritt mitgeteilt, dass du nicht zum Klub der erlesenen (völkisch und national definierten) Mehrheit dazu gehörst. Ähnlich wird Alltagsrassismus übrigens auch gemeinhin definiert. Auf Schritt und Tritt ein: Du bist anders als wir, chau chau! Einen Arschtritt haben die zurückverdient! Ich verstehe die Wut von Y, Fatbardh und Fatma.

 

Das andere Gesicht von Alltagsrassismus

 

Aber Alltagsrassismus hat auch noch ein anderes Gesicht. Kennt ihr das wenn ihr irgendwie ein vages Gefühl, ein Unwohlsein in der Magengegend habt, eine leise Vermutung, die ihr aber schwer in Worte fassen könnt? So ungefähr ging es mir schon unzählige Male in Gesprächen und Diskussionen mit meinen Freund*innen über Alltagsrassismus. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass auch ich alltäglich und beiläufig aufgrund meines Migrationshintergrundes, oder vielleicht treffender gesagt; meines bikulturellen Elternhauses, diskriminiert werde. Ich wusste, auch ich kenne Alltagsrassismus. Aber irgendwie einen anderen. Ich genieße nämlich gleichzeitig ziemlich viele Privilegien. Ich bin beispielsweise weiß und Akademikerin. Viele sehen mich daher als absolut “europäisch”, oder halt deutsch (interessanter Assoziationszusammenhang übrigens…). Mir passiert es ausgesprochen selten, dass ich als “Ausländerin” raus gesprochen werde. Darüber bin ich im Grunde auch froh, tomando en cuenta die Erfahrungen meiner oben zitierten friends. Aber ich bin nicht nur froh.

 

Wie eine Schwule unter Heteros

 

Zwar werde ich nicht mein Leben lang zwangsmäßig ausgeschlossen, aber dafür werde ich mein Leben lang zwangsinkorporiert. Ich werde als deutsch gelesen. Eingeschlossen in eine Masse von Menschen, mit denen ich mich nicht identifiziere. Mir wird mein Migrantischsein nicht aufgezwungen, sondern kategorisch abgesprochen. Nicht erkannt in meiner Andersartigkeit. Nicht erkannt in meiner -zumindest – doppelten kulturellen Identität. Nicht erkannt in meiner anderen Erfahrungswelt. Missverstanden. Unerkannt. Immer und ständig. Und glaubt mir, auch das, gelinde gesagt, NERVT.

Ich fühle mich also oft eher wie eine Schwule unter Heteros. Alltagsdiskriminierung funktioniert hier nämlich oft anders. Meine queeren Freund*innen berichten mir viel öfters von ihrem Leiden, dass ihnen oftmals ganz selbstverständlich eine Heterosexualität unterstellt wird, mit der sie einfach nichts am Hut haben. Klar, die ganze Welt ist hetero, ganz normal, geh ich einfach mal von aus. Das nennt man Heteronormativität. Und sogar wenn anerkannt wird, dass ein Mensch homosexuell ist, wird sogleich die nächste Norm etabliert, wie ein waschechter (zum Beispiel) Schwuler zu sein und auszusehen hat. Das nennt man Homonormativität. Irgendwie so etwas passiert mir in meinem Migrantischsein. Mir wird selbstverständlich unterstellt, deutsch zu sein. Das andere Gesicht von Alltagsrassismus, ein verständigtes Verkennen. Ich nenne dieses Phänomen einfach mal Migrantonormativität oder auch Biodeutschismus. Eine Struktur, die uns unterstellen will, es gäbe ein eindeutig deutsches und ein eindeutig migrantisches Erscheinen, wobei alles weiße deutsch ist. So ungefähr.

 

Die undercover Migrantin

 

Und auch diese Gesichtshälfte der rassistischen Fratze ist hässlich. Ich will euch ein wenig von mir und meinen alltäglichen Erfahrungen berichten. Man ahnte es fast, ich bin nicht deutsch. Zumindest nicht ganz. Zumindest mirzufolge nicht. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Peruaner. Meine Eltern haben sich früh getrennt und als Kind bin ich immer abwechselnd einen Tag bei meiner Mutter, einen Tag bei meinem Vater aufgewachsen. Einen Tag also wurde ich in einem deutschen Haushalt erzogen, am nächsten in einer peruanischen Welt. Dabei kam, wie zu erwarten, eine ziemliche kulturelle Verwirrung und ein absolutes Mischmasch bei heraus. Ich, irgendwie deutsch, irgenwie peruanisch, halb Europäerin, halb Latina. Oder weder das eine, noch das andere? In jedem Fall habe ich nicht nur deutsche Vorstellungen von Kommunikation, Manieren, Umgang, Werten etc. gelernt. Und mehr noch, ich fühle mich mehr zuhause, mehr ich, in meiner peruanischen Hälfte. Long story short, ich fühle mich nicht deutsch. Zumindest nicht wie die proklamierte protodeutsche Normalität. Mein gesamtes Leben habe ich in Deutschland das Gefühl, anders zu denken, zu fühlen, zu reden, mich zu bewegen als viele meiner Freund*innen. Anders zu sein.

Im Regelfall wird das absolut überhaupt nicht wahrgenommen und übergangen, unterdrückt, unsichtbar gemacht. Hier ist es schwierig Ankedoten zu liefern, da meine Realität ja eben genau implizit und unbenannt bleibt.

 

Auch meine Freunde sind Rassisten

 

Auf der anderen Seite darf ich oft aber sogar leider noch nichtmal gemütlich und in Frieden anders sein. Immer wieder wird mir so meine Andersartigkeit absurderweise angekreidet, ohne anerkannt zu werden. Hier kann ich besser zitieren. Wie oft musste ich mich schon rechtfertigen, dass ich in deutschen Augen, “oft übertreibe”, “immer so emotional bin” oder auch “nicht so aufgesetzt freundlich zu allen” sein soll. Oder ich werde – besonders beliebt unter meinem rassistisch geläuterten Aktivist*innenfriends freundlich darauf hingwiesen, dass ich mich als weiße, deutsche und, angesichts meiner Privilegien, nicht dreist mit meinen eindeutig migrantischen Genoss*innen identifizieren könne. Oder sogar in meinen lateinamerikanischen Kreisen wird mir immer wieder gesagt:

Ja Maura, aber du als Deutsche…

Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus meiner persönlichen, alltäglichen Horrormovie Shittalk Show. Fuck Leute, irgendwie (er)kennt mich keiner. Auch meine Freunde sind Rassisten. Ich werde auf eine deutsche Norm festgelegt, die nicht meiner Realität entspricht. Eine unfreiwillige Kartoffel.

 

Was ist daran alles ein Problem?

 

Auch für unser Verständnis von Rassismus und unsere antirassistische Praxis?

  1. Wenn Leute, die mich sehen, sofort davon ausgehen, ich sei deutsch, schon alleine aufgrund meines Aussehens oder meiner Herkunft, dann verhaften wir augenscheinlich in einer ziemlich völkisch-rassistischen Denkart, die davon ausgeht, man könne von phänotypischen Äußerlichkeiten auf die kulturelle Identität einer Person schließen.
  2. Das ist nicht nur offensichtlich SCHEIßE, sondern betrifft auch die meisten persönlich von uns negativ. So entsteht einerseits ein Klischeebild von der typischen Ausländer*in, die stets erkannt und ausgeschlossen werden kann (Alltagsrassismus#1) oder aber andere von uns werden unsichtbar gemacht und bleiben dauernd missverstanden, unsichtbar und nicht repräsentiert (Alltagsrassismus#2).
  3. Wenn wir Alltagsrassismus auf seine burtal entlarvende oder gewalttätig kategorisierende Facette (“Du bist anders und gehörst nicht dazu!”) reduzieren, dann leiden darunter aber nicht nur einzelne verloren gegangene Individuen, sondern auch unsere solidarischen Bündnisstrategien. Wenn wir unser Verständnis migrantischer Realitäten nämlich diversifizieren, realisieren wir: Wir sind noch viele mehr und außerdem teilen wir mehr Erfahrungen als gedacht mit anderen unterdrückten Gruppen. Wir sind also viele, viele mehr und damit viel stärker denn: We’ll Come United!

 

Zwei Seiten einer Medaille: Othering und Assimilierung

 

Aus diesen Gründen plädiere ich dafür, unser Verständnis von Alltagsrassismus auszudifferenzieren und damit einen anderen Teil der Diskriminierungserfahrung von Migrants sichtbar zu machen und anzuerkennen.  Ich denke hier können wir, wie so oft, von den anderen Verdammten dieser Erde lernen. Mit Anleihen aus queeren und feministischen Diskursen können wir verstehen, dass Diskriminierung teils auch genau in der Gewalt der unmakierten Abnorm, im Unsichtbaren schlummert (wie zum Beispiel Feminist*innen für Frauen erstmal reklamieren mussten, dass wir andere Lebensrealitäten haben). Oder auch dass sich Unterdrückung dann sogar im Aufzwingen dieser ungeliebten Norm manifestiert (wie queere Genoss*innen das mit dem Begriff der Heternormativität beschreiben). Alltagsrassismus handelt nicht nur vom immer als anders gesehen werden, sondern auch vom gleich gemacht werden.

 

Mein migrantisches Outing

 

Fatma schreibt hier auf dem Blog, dass einer ihrer ersten Wünsche war, unsichtbar zu sein und nicht als vermeintlich anders aufzufallen. Einer meiner immer noch offenen Wünsche ist es, als anders wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Ich bin nicht gleich wie meine deutschen Freund*innen, ich will es auch nicht sein. Ich will eine Pride für Migrants, ich bin anders, migrantisch, damit irgendwie queer und ich will dass ihr es alle seht, versteht und abfeiert! Mein Outing: Ich bin migrantisch! Let’s have a party my friends!

Bild: moshimoshiii CC

Maura Magni