Meine Freunde sind Rassisten

Einer meiner ersten Wünsche war unsichtbar sein. Unsichtbar hieß nicht auffallen, nicht anders sein, kein Hass oder Mitleid erzeugen. Jedoch begann mein Leben mit Zuschreibungen und bis heute war ich immer wahlweise die Asylantin, die Ausländerin oder Person of Color.

 

Die Autorin streicht ihre Wand schwarz
Weiß, schwarz oder color?

Einer meiner ersten Wünsche war unsichtbar sein. Unsichtbar hieß nicht auffallen, nicht anders sein, kein Hass oder Mitleid erzeugen. Kurz genommen, ich wollte einfach Kind sein.

Jedoch begann mein Leben mit Zuschreibungen. Geboren als Kind kurdischer Eltern in der Türkei, angekommen in Deutschland als unerwünschte Asylantin, aufgewachsen als Ausländerin in Thüringen… Und nun, mit 30 Jahren, sind wir politisch korrekt in Berlin, und ich bin eine Person of Colour, kurz PoC.

Eins haben all diese Zuschreibungen gemeinsam, sie definieren mein anders sein. Anders zu sein, scheint die Rolle meines Lebens zu sein. Sie ist wohl perfekt auf mich zugeschnitten. Kaum habe ich das Gefühl die Rolle ablegen zu dürfen, betreten neue Zuschauer den Raum und weisen mich zurück in die Rolle. Es gibt scheinbar kein Entrinnen.

Ein Moment des Aufatmens

 

Das Ankommen in Berlin war mit einem Gefühl der Freiheit verbunden. Meine Umwelt nahm mich nicht mehr wahr. Kein Anstarren, kein Beobachten, keine Fragen nach meiner Herkunft oder ein Hinterfragen. Aber es war nur ein Moment des Aufatmens.

Dabei bin ich nicht rechten Idioten begegnet, nein enttäuschend ist vielmehr das Verhalten von Teilen der Linken. In Gruppen die sich als emanzipatorisch bezeichnen. Die sich den Kampf gegen Rassismus auf die Fahnen geschrieben haben. Genau hier werde ich wieder nur auf Grund meiner äußerlichen Merkmale in die Rolle der PoC verwiesen. Eine wiederkehrende Erfahrung in meinem Leben. Nur die Bezeichnungen ändern sich. Die Erwartungen jedoch nicht. Ich werde auf meine “kulturelle Identität” aufmerksam gemacht. Die spielt immer eine Rolle. Dass der Rechten die Kultur und Identität schon immer heilig war, ist kein Geheimnis. In Teilen der Linken spielt dies aber auch die entscheidende Rolle.

 

Identitätspolitiken haben ihren Weg auch hierhin gefunden

 

Im Abfragen nach den “Privilegien” werden klare Kategorisierungen vorgenommen. Sie sind die neueste Legitimität zum Reden und Handeln. In Thüringen wurde mir oft die klassische Frage gestellt: “Wo kommst du her?” Mit der Frage sollte meine genaue Herkunft ermittelt werden. Heute soll ich mich gleich selber outen, noch bevor ich beginne zu reden. Ich erfülle die Erwartungen, wenn ich sage: “Ich bin PoC.” oder besser noch: “Ich war mal Flüchtlingskind.” Der Unterschied zu Thüringen ist, dass dort klar war, dass ich doch wieder zurück in „mein“ Land sollte, schließlich könnte ich Ihre kulturelle Reinheit beschmutzen. Nun habe ich die Legitimation zu reden, und alle schauen mich mitleidig an und haben ein schlechtes Gewissen, weil sie tragischerweise “weiß” sind. Schweigend sitzen sie im Raum, bereit jederzeit Buße zu tun und mir über den Kopf zu streicheln, weil ich eine tragische Figur dieser Gesellschaft bin. Die mir zugesprochene Kultur soll beschützt und nicht von “weißen privilegierten” Menschen beschädigt oder angeeignet werden. Mein ‘Anders-sein‘ wird zum Kern des Diskurses gemacht. Dafür werden eigens Räume neu geschaffen, in denen sich “weiße Täter” und die “selbst ermächtigten Opfer” – also ich – gegenüber stehen. Die Privilegien, die vorab abgefragt werden, zeigen die „Sprechposition“ auf – je weniger Privilegien, umso mehr darf geredet werden; der Inhalt hat wenig Gewicht. Ich könnte nun jeglichen Mist von mir geben, bei Widerspruch würde ich der Person ihre durch Privilegien erzeugte Blindheit und Ignoranz und damit Rassismus vorwerfen. Natürlich könnte ich mich auch mit der Kritik an meiner Aussage auseinandersetzen, aber darum geht es ja nicht. Es geht auch nicht darum sich auf Augenhöhe gegenüberzutreten oder konstruktiv mit einem Thema auseinanderzusetzen. Es geht nur um Schuld auf der einen Seite und Buße auf der anderen. In der Art einer Bürgerwehr ziehen diese Antirassisten durch die Straßen und weisen alle auf eine aggressive Art und Weise auf ihre Privilegien hin. Nun können diese wahlweise „Weißen/Hetero/Cis/Männer“ sich entweder entschuldigen und Einsicht zeigen und sich den Äußerungen von uns „Opfern“ unterwerfen oder sie setzen auf Debatte, was unweigerlich im Rassismus-Vorwurf enden wird.

 

Hier wird eine ganz einfache Methode verwendet, das Opfer hat immer Recht

 

Nur als Opfer wird Macht erlangt. Die logische Schlussfolgerung heißt dann, diese Rolle immer wieder einzunehmen, um überhaupt erst „handlungsfähig“ in der Linken zu werden. Aus meinem Verständnis heraus handelt es sich hierbei aber nur um ein Zwangsverhältnis. Emanzipatorisch wäre es jedoch aus dieser Rolle herauszuwachsen, sich von ihr zu befreien. Gefangen in der Opferrolle zu sein bedeutet, gleichzeitig unterworfen und mächtig zu sein, und führt dazu in einer permanenten Angriffsposition zu bleiben, um sich vor Angriffen zu schützen. So verständlich dies auch erscheinen mag, sie wird einen nicht Handlungsfähig machen, zumindest nicht in einer konstruktiven Weise.

Wenn jeglicher Diskussionsbedarf, jede artikulierte Meinungsverschiedenheit, jedes getragene Modeaccessoire als zugefügte rassistische Gewalt deklariert wird, führt das unweigerlich dazu, dass Rassismus relativiert wird. Dadurch wird der Begriff ins Absurde geführt.

 

Das kann nicht das Ziel sein!

 

Rassismus ist keine beliebige Sache. Menschen sind tagtäglich von strukturellem Rassismus und Alltagsrassismus betroffen. Das wird auf verschiedenste Arten und Weisen erlebt: Die Angst vorm Morgen, das Gefühl unsichtbar und ruhig sein zu müssen, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, mit allen Mitteln angepasst zu sein; immer freundlich zu sein obwohl man doch beschimpft und gedemütigt; hilflos den staatlichen Strukturen ausgeliefert zu sein; des Lügens bezichtigt zu werden; immer in der Bringschuld zu sein und zu beweisen, wie hilfsbedürftig man ist; als potentielle Gewalttäterin wahrgenommen zu werden oder als hilflose Frau, die im nächsten Moment zwangsverheiratet wird; das Gefühl immer nur unwillkommen zu sein, niemals anzukommen. So liegt das Misstrauen näher als das Vertrauen, denn die Gefahr, so kaputt gemacht zu werden, dass Nähe nicht mehr möglich ist, bleibt real. Das Gefühl der Gefahr wird immer bleiben.

 

Rassismus ist, wie viele andere Diskrimminierungsformen in dieser Gesellschaft, zu bekämpfen!

 

Dabei sollten Diskriminierungsformen keine Wertigkeiten zugeordnet werden. Sie sollten nebeneinander stehen sowie zusammenhängend betrachtet werden und nicht gegeneinander ausgespielt werden. Denn mit diesen Wertigkeiten spielen auch rechte Strukturen und Parteien.

Die Stärke der Linken sollte jedoch darin liegen, Minderheiten nicht gegeneinander zu positionieren, also Menschen nicht auf Ihre kulturelle Identität, ihre geschlechtliche Identität, ihre sexuelle Orientierung oder ihre sozialen Status zu reduzieren. Unsere Aufgabe müsste stattdessen sein, diese gesellschaftlichen Strukturen zu durchbrechen und sie aufzuheben.

 

Ich hab die Schnauze voll

 

Ich habe keine Lust mehr mir erklären zu lassen, welcher Kultur ich zugehöre und dass ich sie zu schützen habe. Ich weiß nicht, was meine „kulturelle Identität“ ist. Es gab eine Phase, in der auf der Suche war, in der meine Hoffnung die war, dass ich in der Türkei einen Ort finde, an dem ich eine Zugehörigkeit empfinden werde. Fehlanzeige, ich war dort immer die Kartoffel. In Deutschland bin ich aber der Döner. Welche dieser „Kulturen“ soll ich nun „schützen“? Den Status der Migrantin werde ich wohl nirgendwo los.

Eine Begegnung auf Augenhöhe scheint ein unerfüllter Wunsch zu bleiben. Denn dafür bräuchte es eine kritische Auseinandersetzung unter uns. Aber Kritik wird nicht gern gesehen, egal von wem sie kommt. Die Linke scheitert an Ihrem eigenen Anspruch, die Verhältnisse wirklich zu verändern. Für mich bedeutet das, auch ich darf nicht kritisieren und die Spielregeln ablehnen.

So bin ich nun 30 und scheinbar immer noch zu dumm, um mir meine eigene Meinung zu bilden. Das übernehmen nun meine antirassistischen Freunde für mich.

 

Zum Glück habe ich noch meine Freunde, die Rassisten sind

 

Sie sehen mich weder als Opfer, emanzipatorisches Subjekt oder Unschuldswesen. Tatsächlich nehmen Sie sich das Recht raus, mir auf Augenhöhen gegenüber zutreten. Noch schlimmer, sie diskutieren mit mir und kritisieren mich auch mal und manchmal haben sie die Frechheit und verlangen, dass ich mich entschuldige, wenn ich daneben war. Und dann noch immer diese Momente, wenn sie mir ins Wort fallen und mich nicht ausreden lassen. Sie können so richtig verletzend sein,  genauso wie ich es auch sein kann.

Aber das Wunderbare an Ihnen ist, sie nehmen mich so wahr wie ich bin. Sie gestehen mir ein, dass ich zu meiner Meinung stehen kann, trauen mir zu, dass ich sie verteidigen und argumentativ untermauern kann. Meine Freunde, die Rassisten, trauen mir Selbstkritik zu. Sie sind ermutigend, weil sie meiner Stärke vertrauen; und wenn ich nicht mehr kann, fangen sie mich auf. Sie sind inspirierend und unterstützend. Und wenn ich Selbstzweifel hege, ermutigen Sie mich. Ja meine Freunde sind Rassisten, weil sie in mir kein Opfer sehen.

 

Bild: © privat

Fatma Kar

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