Skarabäus in der Nacht: Eine Kurzgeschichte

In einer Stadt wie Alexandria oder Wien hängt zwischen Pilastern und Gesimsen bei Nacht der Wahnsinn zwischen den Häuserfassaden. Auf der Straßenbahnstrecke in hellrotem Licht jedoch ist die Wüste nicht weit…

 

Skarabäus in der Nacht
Ein Skarabäus in der Nacht

 

Ich war in einer Tram. Straßenbahn kann auch sagen, aber es war eben eine Tram, weil ich in dem Moment die Stadt als Alexandria angesehen habe, wo man einfach “Tram” sagt. Aber das Merkwürdige war, dass diese Tram nicht auf der Straßenebene fuhr, sondern in der Luft, auf einer Ebene mit den fünften Stockwerken. Es hätte mich nicht gewundert, wenn es eine Gondel gewesen wäre, aber wir waren mitten in der Stadt in einer normalen Tram. Wohnhäuser standen entlang beider Seiten und wir flogen langsam. Vielleicht ist es doch Wien?, dachte ich mir kurz, denn die Architektur ist ziemlich ähnlich. Fassaden mit Pilastern, hin und wieder Figuren und Köpfe, gestufte Gesimse und dreieckige Giebel über den Fenstern. In Alexandria sind sie allerdings verstaubt.

 

Da spielt sich anscheinend der Wahnsinn der Stadt ab, dachte ich mir.

 

Die Tram verlief parallel zu den Fassaden, genauer gesagt, zu den großen Fenstern und den Balkonen. Es war abends, beleuchtet von hellroten Straßenlaternen, als wäre man in einer riesigen Dunkelkammer. Man konnte aber trotzdem alles genau sehen. In jedem Fenster Dreier, Orgien, nackte Frauen, fast nackte Frauen, wieder nur nackte Frauen. Ich guckte alles erstaunt an und wunderte mich, wie ich erst jetzt die Stadt von Neuem kennenlernte, als hätte man plötzlich ein Wonderland entdeckt, gleich dort wo man sich auskennt oder zumindest wo ich dachte, dass ich mich ausgekannt habe. Von nun an würde ich auf alle höheren Geschosse achten, da spielt sich anscheinend der Wahnsinn der Stadt ab, dachte ich mir.

 

Ob ich, wie Gregor Samsa, zu irgendeinem unheimlichen Insekt verwandelt wurde?

 

Die Tram flog und es schaute mich ein hübsches Mädchen an, gleich gegenüber. Eine Superkraft hat mich zu ihr gebracht, wie Sindbad der Seefahrer. Innerhalb einer Sekunde lag ich neben ihr und ich musste, trotz der magischen Atmosphäre, fragen, wo wir sind. Wie es scheint war meine Frage blöd, denn sie sagte nichts dazu, und fing einfach an mich zu küssen. Ihre Lippen fühlten sich so real an. In diesem Moment war es mir völlig egal wo ich gerade war.
Es hat ziemlich lange gedauert, nachdem ich aufwachte, damit ich nachvollziehen konnte wo ich war. Ein paar Sekunden war mir alles fremd, und ich habe sogar gezweifelt, ob ich, wie Gregor Samsa, zu irgendeinem unheimlichen Insekt verwandelt worden war. Es war aber nicht der Fall und langsam habe ich alles erkennen können.
Mist! Das habe ich nicht erwartet.
Ich war weder in Wien noch in Alexandria. Ich war vor einem Munitionslager mitten in der Wüste aufgewacht, wo ich meinen Wehrdienst seit fünf Monaten ableistete. Nun wurde mir alles klar und ich konnte mich an alles erinnern.

 

Ich versuchte meinen Finger im Sand sauber zu radieren

 


Ich habe vor meinem Nachtdienst etwas genommen. Ein Kamerad hatte mir fünf Pillen gegeben und gemeint, das sei was Neues, und ich müsse es probieren. Das Vertrauen unter den Kameraden, wie Loyalität, spielt eine gewisse Rolle im Heer. Es schien mir ein spannendes Abenteuer weswegen ich die Pillen angenommen habe, obwohl ich in dieser Nacht noch vier Stunden lang das Munitionslager unseres Standortes hätte bewachen müssen. Mein Dienst hatte um 10:00 Uhr angefangen und ich musste alles unter Kontrolle behalten.
Verschiedene Stellen müssen jeden Tag abwechselnd bewacht werden. Für jede Stelle ist eine hübsche Kalaschnikow mit drei Kurvenmagazinen, jeweils mit 30 Patronen befüllt. Jeder muss vor seinem Dienst dafür sorgen, dass die Maschinenpistole einwandfrei ist und die Patronen stimmen.
Kurz vor zehn Uhr abends habe ich die Pillen geschluckt und war gespannt auf meinen Dienst, der bald begann. Ich habe das Gewehr kontrolliert und die Patronen abgezählt. Es stimmte alles und ich musste dies mit meinem Daumen abstempeln. Ich versuchte dann meinen Finger im Sand sauber zu radieren. Die Tinte ging aber nicht weg und letztendlich trug ich mein Gewehr mit der Munition und lief zu meinem Dienstort.

 

Wolkenloser Himmel

 

Die erste Stunde verging und ich war mir nicht sicher, ob die Pillen schon wirkten. Es herrschte eine schöne Stille und ich schaute mir die Sterne an. An dem Tag konnte man die Milchstraße nicht erkennen. 
Es war damals gerade Vollmond, der von einem dunkelblauen wolkenlosen Himmel herabschien. Neben mir kroch ein bunter Skarabäus und fing an sich in den Sand zu graben. Vor Skarabäen habe ich mich anfangs geekelt, doch nun waren wir gut befreundet. In der Wüste hat man keine andere Wahl. Mir fiel auf wie seine Farben schön und glänzend waren. Wahrscheinlich lag es am Vollmond. Anscheinend musste ich kurz danach eingeschlafen sein, wo ich mich in der alexandrinischen Tram befand. 
Nachdem ich plötzlich aufwachte, war es schon nach Mitternacht, und ich war dankbar, dass mich keiner gesehen hatte, aber immer noch aufgeregt. Hätte der Kontrolleur mich gesehen, hätte er mein Gewehr genommen, was ein Beweis dafür gewesen wäre, dass ich während meines Dienstes geschlafen hatte. Das hätte zu drei bis sechs Monaten in Einzelhaft führen können. Ich musste noch eine Stunde durchhalten, bis mein Dienst endete, was ich aber nicht geschafft hätte. Ich kam gar nicht klar und war in dem Moment so dicht, dass ich nicht mehr in der Lage war aufstehen zu können. Ich musste aber etwas tun und meinen Tag retten. Ich habe die Zähne zusammengebissen und wollte zur Baracke, wo wir, die Soldaten, übernachten. Obwohl die Distanz zwischen meinem Ort und der Baracke weniger als fünfzig Meter war, war es nicht so einfach, da der Ausweg vor dem Munitionslager wie ein Maislabyrinth aus Stacheldrahtzaun war. Sorgsam, so dass mich keiner sieht, habe ich mich zur Baracke geschleppt. Ich wollte den Kameraden, der mir die Pillen gegeben hatte, aufwecken. Er war der einzige der mich hätte retten können. 
Ich stand vor seinem Bett und zog seine Decke weg. Doch es war aber nicht mein Kamerad, sondern das selbe Mädchen, das mich geküsst hat. Sie fragte mich, ob ich wisse, wo ich gerade bin. Ich stand verwirrt da und in mir war alles durcheinander.

 

Bild: Coupra21S CC