Ich bin

Unsere Autorin Cansev schreibt über’s Türkisch-sein, Frausein, Hessisch-sein, über die migrantische Identität – über alles und vieles und nichts, das sie ausmacht.

 

Ich bin…

…überfragt, was in Allahs Namen bin ich eigentlich?

 

Ich schaue verwirrt nach oben und suche nach der Niederschrift einer göttlichen Offenbarung, in der mir die Erbsünde erspart bleibt und murmele verlegen die Schahada in meinen Damenbart.

 

Ich blicke verunsichert nach unten und erblicke prompt zwei propere weltliche Offenbahrungen, Rundungen, eine Hügellandschaft, zwei Argumente, Zwillinge, Milchtüten, Quarktaschen, Honigmelonen, Dekoletee, Balkon, Busen, Glocken, Hupen, Boobs, Bobbies, Titties und Tatas und verdammt nochmal was sind denn alle so besessen von… hah, ok.

 

Ich habe einen Verdacht.

 

Ich bin eine Frau, bin recht klein, hab mickrige Brüste und einen flachen, breiten Hintern, rede nasal und unfein, denn Schimpfwörter und Mundfürze sind gar nicht fein. Weiß, wo Mensch mich am besten küsst, wo Muslima sich am besten liebt, ohne rufgetötet zu werden, ja, auch ich bin irgendwie Muslima, der Physiklehrer sagte mal „Muselmann“, die Großeltern blieben hier fremd und auf alten vergilbten Geburtsurkunden meiner Mutter als Mohammedaner gebrandmarkt; kenne zu viel, bin zu wenig, zu schäbig für den ein oder anderen frommen Mann; zicke rum, bin impulsiv, hab ja meine Tage, meine Periode, im Klartext ich blute und kauf mir tausend Tampons, wobei eher doof für das Jungfernhäutchen, muss es bezahlen, annähen, verstecken, muss sauber sein, gut riechen, immer gut riechen, sonst bin ich ungepflegt und das wollen wir ja nicht.

 

Ich bin türkisch, wobei eher nicht türkisch genug, meine Muttersprache geht mir abhanden, rede mit Verwandten pragmatisch, doch ohne Hand und Fuß, füßele gern hochdeutsch in farbenfrohen Vorgärten, kenne aber nur domates, biber, patl?can aus Schrebergärten, kenn mich nicht in Yozgat aus, wenn Turkodeutsche mich fragen, du kommst doch aus Yozgat und ich sag nein, nein, mein Papa kommt von da, da wo nicht viel ist außer halbgare Erinnerungen und ein fremdes Gefühl der Zugehörigkeit, die Mama? nee, die ist von hier, wurde ja nicht MIT Kopftuch im tiefsten Mittelhessen geboren, da wo ich auch geboren wurde, bin ja sowieso ne Vaterlandsverräterin weil ich den Geist von Gezi lebendig halte und über Deniz Yücel und Can Dündar poste.

 

 

Ich bin Single, ledig, unverheiratet, noch jung oder doch schon zu alt, nicht zart, schon erfahren, bewandert und nicht ans Ziel gekommen, kenne keine zigtausend Männer und potenzielle Nachrichtenanfragen, nur Sexanfragen und frauenfeindliche Scheiße von „Lümmelhans“, „Mohammad Khan“ und „TC Hüsseyin“.

 

Ich bin nicht weiß, nicht deutsch, nie hessisch oder nee, halt, warte mal, ist es schon wieder nicht genug? ach quatsch, hab ja Migrationshintergrund, oder postmigrantische Narrative, null Perspektive, ein bilinguales Horoskop in der Bravo oder im Mokka stehen.

 

Ich bin eine Ex, werde blockiert, ersetzt, bin das Feindbild der Neuen, der tollen holden Maid, bekomme kein Tschüss, kein Lebe Wohl, kein Mach’s gut, warum denn auch, ist doch alles aus und vorbei.

 

Ich bin alles, was ich will, kann alles, was Mensch will, Frau kann, was Mann kann?
Ich bin vieles, was ich kann, will Vieles, was Mensch will von Frau, von Mann, von mir? Meine Zeilen sagen alles, doch sind nichtssagend für Alle, für Viele, schreibe für Niemanden, bin ich nichts?

Ich bin Alles, ich bin Vieles, ich bin Nichts, für sie, für dich,
für mich bin ich… ich, was ich will, was ich kann.

Bild: Cansev Duru

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