Wir sind alle Schwestern

Fatima ist Muslimin und setzt sich für die Rechte von Frauen ein. Im deutschen Feminismus fühlt sie sich allerdings nicht besonders wohl. Daher reist sie nach Istanbul und berichtet von den Kämpfen der Frauen dort.  

 

Zehn Uhr morgens in Istanbul

 

Täglich pendelt die Fähre von der asiatischen auf die europäische Seite. Wie meine Bahn in Köln, von Ehrenfeld nach Nippes. Ich sitze im halb offenen Teil des Schiffes, weil ich nie genug vom Meerwasser Duft bekomme. Der Himmel ist blau und während die Fähre hupt, sind die Möwen dabei laut. Neben mir nimmt eine Gruppe junger Frauen Platz, von der mir eine besonders ins Auge fällt. Sie trägt ein goldbraunes Kopftuch und dezenten braunen Lippenstift. Die Unterhaltung wird auf Türkisch geführt. Ihre Ausstrahlung ist wunderschön und ich kann meine Augen nicht von ihr wenden. Die jungen Damen lachen. Ich nippe an meinem Tee und schaue auf das Meer, das durch die Sonnenstrahlen wie ein Feld aus Diamanten glitzert. Die Aussicht ist unglaublich!  

Angekommen in Karaköy, mach ich mich auf den Weg nach Taksim (ein Stadtteil in Istanbul), wo ich gleich mein erstes Meeting mit einer Aktivistin von Mor Cati haben werde, einem Frauenverein in Istanbul. 

 

Warum fährt eine Frau mit marokkanischen Wurzeln Aus deutschland nach Istanbul?  

 

Gewalt an Frauen in jeglicher Form gibt es bedauerlicherweise weltweit. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, dagegen etwas zu tun. Doch wo startet solch eine Initiative? Weder das Studium in Architektur kann mich darauf vorbereiten, noch die Empathie meinen Mitmenschen gegenüber.  

Durch die Medien erfuhr ich viel von den Aktivistinnen in Istanbul. Aus diesem Grund beschloss ich dorthin zu reisen und mich dem Ganzen zu öffnen. Auch in Deutschland setzen sich zwar viele für Frauenrechte ein, allerdings fühle ich mich als Muslima in diesem Spektrum nicht immer wohl.

Besonders die Angstmache um das Thema Kopftuch stört mich auch in feministischen Kreisen sehr.

Ich wollte wissen, wie muslimische Länder mit Frauengewalt umgehen. Da es in Marokko leider nicht viele Gruppen in diesem Bereich gibt, war Istanbul der perfekte Kompromiss. 

 

Die wundervolle Kraft der Frauen

 

In deutschen Medien wird das Kopftuch oft als etwas negatives dargestellt. Auf meinen Treffen in Istanbul sehe ich dahingegen unglaublich beeindruckende Frauen mit Kopftuch, die bereit sind, zu kämpfen und auf die Straße zu gehen. Damen die eine umwerfende Ausstrahlung und Kraft besitzen, die ich kaum in Worte fassen kann. Sie sind immer wieder inspirierend.  

Ich hatte das Vergnügen Selime Büyükgöze die türkische Frauenrechtlerin zu treffen. Sie engagiert sich für Mor Cati, ein Frauenhaus, wo sich Frauen vor Ort melden oder anrufen können. Alles was ihnen widerfährt, wird im Verein vertraulich behandelt und versucht eine Lösung zu finden. Ich lerne viel von solchen Initiativen und bin begeistert, wozu die Aktivistinnen in der Lage sind. Selime hat der Gewalt an Frauen den Kampf erklärt und setzt sich seitdem dagegen ein.  

An einem der monatlichen Treffen nehme ich teil. Bei unserer Diskussion geht es diesmal um den Körper der Frau, da weltweit kaum Aufklärung dazu angeboten wird. Damen jeden Alters sind dabei. Die Atmosphäre ist warmherzig und offen. Tatsache ist, dass hier starke Frauen am Werk sind und momentan eine Menge im Umbruch ist. Durch die wundervolle Arbeit der Frauen und all den Erfahrungen, die ich in Istanbul sammeln durfte, nehme ich vor allem eines mit: 

Kopftuch hin oder her, Land hin oder her – Wir sind alle Schwestern und wir sollten aufhören uns gegenseitig auszuspielen, sondern uns unterstützen, voneinander lernen und miteinander kämpfen! 

 

Bild: Ithmus CC