The Russian Revolution

Walter Rodney – Historiker und Pan-Afrikanist, zentrale Figur der antikolonialen und schwarzen Kämpfe. Vier Jahrzehnte nach seiner Ermordung sind seine Gedanken zur russischen Revolution erschienen. Unser Autor Kofi rezensiert sein Buch und schöpft Strategien für die Zukunft. 

 

40 Jahre später

 

Fast vierzig Jahre hat es gedauert, dieses Buch fertigzustellen. Nach der Ermordung Walter Rodneys durch das reaktionäre Forbes Burnham Regime in Guyana konnten durch seine Familie einige Notizen und Manuskripte sichergestellt, mit Hilfe einiger Kolleg*innen verwahrt und später auch editiert werden, um sie in die Form des nun erhältlichen Buches zu bringen.

Er war eine zentrale Figur der antikolonialen Kämpfe und der Schwarzen Bewegung und hat mit seinem theoretischen und praktischen Wirken ein bedeutendes Vermächtnis hinterlassen, nicht zuletzt mit seinem grundlegenden Werk How Europe underdeveloped Africa, das Robin D.G. Kelley und Jesse Benjamin, denen wir die Arbeit an Rodneys Notizen und damit dieses Buch zu verdanken haben, nicht zu Unrecht in eine Reihe mit Lenins und Nkrumahs Büchern über den Imperialismus und Neokolonialismus stellen. Wie wir auch erfahren, hielt Walter Rodney an der Universität von Dar es Salaam, das vor allem in der Periode nach Veröffentlichung der Arusha Declaration zum Anziehungspunkt für revolutionäre, marxistische antikoloniale Intellektuelle aus aller Welt und besonders aus den Kolonien wurde, einige Vorlesungen, in denen er sich auf die Geschichtsschreibung in Bezug auf die russische Revolution konzentrierte. Tatsächlich plante er wohl, nachdem er sowohl die marxistische als auch die bürgerliche Literatur über 1917 studiert hatte, seine Vorlesungen in Buchform zu bringen, gab aber der Untersuchung der afrikanischen Geschichte die Priorität.

 

Lenins Volkstribun

 

Da das Buch einiges an Vorwissen voraussetzt, geben die Editoren sowohl einen Überblick über das Leben Rodneys als auch die Geschichte der russischen Revolution. Walter Rodney lässt sich wahrscheinlich am ehesten mit dem von Lenin konzeptualisierten Volkstribun vergleichen:

„Rodney was the archetypical scholar-activist. He asserted a conscious Black presence within the academy while always maintaining ties and involvements outside it, working in the community and among the working class” (xxvii).

„Some interpret Rodney as having begun his life with Black Power and racial politics, before progressing more toward a more orthodox Marxist analysis as he matured and became a scholar. However, such falsely dichotomous race/class readings of Rodney ignore his praxis, where theory was always historically grounded and attentive to the complexity of lived experience” (xxxv).

Rodney wollte allerdings nicht einfach eine weitere Geschichte der russischen Revolution schreiben, sondern sich auf die Frage der Geschichtsschreibung konzentrieren, daher auch der Titel des ersten Kapitels Two World Views of the Russian Revolution: die bürgerliche und die marxistische Analyse (oder Interpretation) der Oktoberrevolution, gleichzeitig aber auch die Revolution aus der Perspektive der Metropole und der Peripherie. Nicht zuletzt hat sich Rodney intensiv mit Russland beschäftigt, weil er bedingt durch den agrarischen Charakter der kolonialen Ökonomie Parallelen sah, was die Rolle der Bauernschaft betraf – gleichzeitig war er sich der Tatsache bewusst, dass die Oktoberrevolution sich nicht mechanisch auf den afrikanischen Kontinent übertragen lässt.

 

Koloniale Bildung

 

In die Theoretisierung der afrikanischen Perspektive bezieht Rodney die koloniale Bildung mit ein. Über die Gestaltung von Schulbüchern mit dem jeweils englischen oder französischen Curriculum sagt er,

„‚we‘ in textbooks designed for Africans meant ‚we British‘ or ‚we French‘. Conversely, ‚they‘ referred to Africans, which posed a crisis of identity, even when ‚they the Africans’ are not referred to as savages or natives” (2).

Diese Trennung gelte es aufzuheben und zu realisieren, dass ‚wir‘ und ‚die Afrikaner*innen‘ dasselbe, ein identisches Subjekt bezeichnen. Aus dieser Perspektive müssen dann auch globale Ereignisse untersucht werden.

„As it is, we know for a fact how prejudiced and distorted Europe’s view of Africa has been. We know that European capitalism and imperialism continue to have our exploitation as their main objective. There is, therefore, every reason to be suspicious of the Western European (and American) view of the Soviet Revolution, and there is every reason to seek an African view” (3).

Rodney stellt heraus, dass die koloniale Bildung zunächst ein verzerrtes Bild vermittelt: Marxismus durch die Augen des Bürgertums, dessen Theorien alleinigen Anspruch auf Gültigkeit besitzen. Anhand einiger Beispiele stellt Rodney die Interessengesteuertheit der bürgerlichen Geschichtsschreibung dar, indem er zeigt, wie sie sich in ihren Arbeiten zu großen Teilen auf Quellen stützt, die weder über die beanspruchte Objektivität verfügen (Kerenski, Miljukov, die Tagebücher des Zaren), noch den Fakten entsprechen. So legt er die Verbindungen von durch Regierung oder CIA finanzierte Stiftungen und der bürgerlichen Beschäftigung mit der Oktoberrevolution offen. Letztendlich bezieht die bürgerliche Geschichtsschreibung ihre Positionen aus denen der konterrevolutionären Intellektuellen, die nach der Revolution in den Westen migriert sind und deren Klasseninteressen sich fundamental von denen der vom Zarismus geknechteten Lohnabhängigen unterschieden. Rodney bemerkt, dass

„bourgeois scholarship always pretends to hold a monopoly of truth and reason; and most bourgeois writers fall over themselves to stress that they approach issues open-mindedly and dispassionately. According to that line of argument, the Marxist has prejudged issues, has a closed mind and is partisan. It would therefore be unwise for the bourgeois scholar to expose his own set of assumptions – thereby revealing that he and the Marxist are following the same pattern of arguing from established premises, but that the premises are different and the very methodology of analysis is different. Such an exposure and revelation would force one to reconsider the relative premises and methodologies; and it is clear that the bourgeois scholar is afraid of just that” (11).

Kein Wunder

 

The Russian Revolution: A View from the Third World von Walter Rodney, erschienen bei Verso Books

So ist es kein Wunder, dass ein beachtlicher Teil der westlichen Literatur über die sozialistische Revolution von einer solchen Verachtung für die Klasse der Lohnabhängigen geprägt ist, dass die Vorstellung ihrer Selbstorganisierung als Ding der Unmöglichkeit erscheint. Solche Menschen können nur Opfer von bösartiger Demagogie und kriminellen Verschwörungen terroristischer Gruppen werden, heißt es da bei den Zöglingen von Bourgeoisie und Adel. Von der Offenlegung dieser Prämissen, die der Klassenposition folgen, ausgehend, untersucht Rodney die Geschichte der Revolution und setzt sich mit Fragen ihrer Unvermeidlichkeit, der Rolle der Bauernschaft und des Krieges auseinander. Immer wieder gelingt es ihm, Argumente bürgerlicher Historiker*innen, die vermeintliche Widersprüche zwischen Marx‘ Arbeit und der Tatsache der einer Revolution in einem ‚zurückgebliebenen‘ Land wie Russland aufzudecken glaubten, gekonnt mit Auszügen aus den Schriften von Marx und Engels zu entkräften. Ein Fehler, den er dabei unterstellt, ist die schablonenhafte Übertragung der Analysen konkreter Situationen auf andere historische Umstände – oder gleich, dass einige Marx geradezu das Gegenteil von dem unterstellen, was er tatsächlich geschrieben hat. Insofern definiert er den historischen Materialismus als Methode

„that can be applied to different situations to give different answers. Marx’s comments on Western Europe were based on a thoroughly comprehensive study of the evidence that he had before him in the nineteenth century. Hence to say anything about Russia would also require close study of what was going on in Russia” (49-50).

Es wird deutlich, dass Rodney so bestimmt immer wieder zu diesem Punkt zurückkehrt, weil es für ihn darum geht, aus der Analyse der afrikanischen Verhältnisse, ihrer Einbeziehung in die Wertschöpfung des globalen Kapitals und der (neo)kolonialen Unterdrückung eine revolutionäre Strategie zu entwickeln. Die historische Untersuchung Russlands ist daher nicht nur aufgrund der ähnlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen als durch den Agrarsektor geprägtes Land gekennzeichnet, sondern auch durch seine Eigenschaften als „Gefängnis der Nationen“. Die Politik der Bolshewiki in Bezug auf die nationale Frage verdient daher auch aus afrikanischer Perspektive eine ausführliche Betrachtung und kann als Inspirationsquelle dienen.

Auch wenn er wie Lenin, im Gegensatz zu Luxemburg , die nationale Befreiung nicht ablehnt, sondern eher im Kontext des Antiimperialismus betrachtet, bleiben keine guten Worte für die nationale Bourgeoisie:

„Likewise, the landlord class, whether it was European or Asian or kulak, or from the Black Sea region or Siberia, operated according to its interests. And the same could be said about the bourgeoisie, whether from Poland (in Russia) or Turkestan, Catholic or Muslim (‚clink, clink’ in any language). Civil war displayed the international nature of class phenomena: capitalist powers plus rulers in each locality versus workers and peasants” (163).

Dennoch wäre es falsch, aus einer dogmatischen antinationalen Position heraus die Kämpfe für nationale Befreiung in den Peripherien zu verurteilen. Gerade weil sie die imperialistische Bourgeoisie herausfordern, kommt ihnen auf der Ebene globaler Kräfteverhältnisse eine wichtige Rolle zu. Hier steht er in der Tradition einer Politik, die auch die Kommunistische Internationale verfolgte – die Kämpfe für Unabhängigkeit und Selbstbestimmung nicht nur mit Worten, sondern mit Taten zu unterstützen. Er bedauert allerdings, dass dies – besonders zu seiner Zeit – nicht immer der Fall war: „few Marxists are consistent with this and it is significant that the black revolt has been treated similarly (see Richard Wright, Aimé Cesairé and George Padmore). Then reactionaries turn it around and say it is race, not class” (164).

Gerade aufgrund dieser starken Betonung der Klassenfrage im Kampf um nationale Unabhängigkeit ist es auffallend, wie auch Kelley und Benjamin in ihrer Einleitung anmerken, dass die Kommunistische Internationale und die von ihr unternommenen Anstrengungen hinsichtlich der Vereinigung der antirassistischen, antikolonialen und antiimperialistischen Kämpfe keine Erwähnung in Rodneys Notizen finden. Es handelt sich um ein sowohl politisch als auch inhaltlich letztendlich unfertiges Buch, was an seiner Bedeutung jedoch nichts ändert. Welche Aspekte der Autor selbst noch mit einbezogen hätte, bleibt uns leider verborgen.

 

Wissenschaft muss Partei ergreifen

 

Aus dem Material aber, das vorhanden war, konnte ein nichtsdestoweniger relevantes Werk rekonstruiert werden. Wissenschaft muss Partei ergreifen das hat Rodney durch seinen lebenslangen Einsatz bewiesen; seine eigene Parteinahme für die Ausgebeuteten, gegen rassistische Spaltung und koloniale Unterdrückung und deren manifeste Form in seinem Engagement in der Working People’s Alliance in Guyana kosteten Walter Rodney das Leben. Nachdem seine erste große theoretische Arbeit einen Beitrag dazu geleistet hat, die koloniale Ausbeutung und ihre Geschichte zu verstehen, sollten wir dieses Werk, das sich zwar maßgeblich mit der Geschichtsschreibung befasst und diese kontextualisiert, dennoch als einen Beitrag sehen, aus dem wir Überlegungen und Perspektiven hinsichtlich einer Strategie für aktuelle und zukünftige Revolutionen auf dem afrikanischen Kontinent schöpfen können.