Nicht böse gemeint…

Das Gegenteil von gut ist nicht immer böse, sondern manchmal einfach nur “gut gemeint”. Wie es sich anfühlt als “Migrant*in” abgestempelt zu werden und mit nicht böse gemeinter Ignoranz umzugehen? Ein traumatischer Balance-Akt, der im selbststärkendem Widerstand mündet. Hier gibt es ein guten Tipp für alle “gut gemeinten”.

 

 

Meine Zerreißprobe
Dein “nicht böse gemeint”? – Meine Zerreißprobe…

 

Als ausländische Person in Deutschland sammelt man Erfahrungen unterschiedlicher Art. Erfahrungen, die man gerne machen möchte – und vielleicht auch ein Grund, weshalb man nach Deutschland gezogen ist, wie z.B. die Arbeitskultur, das studentische Leben, das Reisen, das alleine Leben …
Aber auch Erfahrungen, die man eigentlich nicht machen wollte.
Diese sind durch den „Migrant*innen-Status“ bestimmt und in der Regel auch negativ geprägt. Ich nenne sie „Erfahrung“, nicht damit es sich nicht so schlimm anhört, sondern weil ich mit der Zeit zur Schlussfolgerung gekommen bin, dass sie zu einem – fast unmöglich zu ändernden – Teil meines Lebens geworden sind, und ich sie mir so einrahme, um das daraus resultierende Trauma besser zu verarbeiten.

 

 

Ungewollte Erfahrungen

 

Bei diesen ungewollten Erfahrungen handelt es sich um Kommentare von fremden Menschen und von engen Freund*innen, um lange schlaflosen Nächte vor dem Termin bei der Ausländerbehörde, um visumsbedingte Planänderungen, um Infragestellung der eigenen Existenz, Identität und sogar geistigen Gesundheit …
und die Liste geht weiter…

Die Liste von solchen Erfahrungen ist so lang wie meine 6 Jahre in Deutschland, so lang, dass ich jetzt inzwischen schon vorher erahnen kann, wo ich welche ungewollte Erfahrung machen werde.
Ich kann zum Beispiel erahnen, wenn jemand mich nach meiner Herkunft fragen wird, welche damit verbundenen Assoziationen hochkommen, die sich auf das Verhalten dieser Person im Nachhinein auswirken werden.

Aber die Tatsache, dass ich heute (fast) vorher solche Erfahrungen erahnen kann, bedeutet nicht, dass ich es als normal empfinde oder es mir egal ist.

 

 

Es fühlt sich jedes Mal wie das erste Mal an

 

Es fühlt sich jedes Mal wie das erste Mal an. Bei jedem Kommentar über meinen Akzent, mein Haar oder meine Herkunft bin ich wieder entkräftet, und muss überlegen, ob es sich lohnt, die Diskussion anzufangen. Problematisch bei solchen ungewollten Erfahrungen und die daraus entstehenden Diskussionen, ist dass man zu schnell zu einer „angry womxn of Color“ wird.

Je mehr man darüber redet und berichtet, desto weniger wird man ernst genommen. Das Trauma, was ich vorhin erwähnt habe, entsteht nicht nur aufgrund dieser Erfahrungen, sondern aufgrund des Ablehnens der eigenen Erfahrungen durch die anderen.

Jedes Mal, wenn ich über meine Erfahrungen berichte, mit der Hoffnung ein hörendes Ohr zu finden, werden meine eigenen Erfahrungen ungültig gemacht. Ich bin „zu empfindlich“ heißt es dann oder ich habe „zu viel reininterpretiert, es war gar nicht böse gemeint“!

 

 

Das Gegenteil von Gut ist nicht böse, sondern gut gemeint

 

Ich stimme auch zu, es ist (fast) nie böse gemeint, Ignoranz ist nie böse gemeint, weil es eben Ignoranz ist und es kann weder gut noch böse sein.
Allerdings bringt diese „nicht böse“ gemeinte Ignoranz viele unbeabsichtigte Konsequenzen mit sich, die das Leben von Menschen wie mir viel unerträglicher macht.
Diese „nicht böse“ Ignoranz verankert Stereotypen in der Gesellschaft. Sie macht Job- und Wohnungssuchen schwieriger und „Integration“ komplizierter.

 

 

Sie ist traumatisierend.

 

Sie ist traumatisierend. Sie ist der Grund, weshalb man sich jeden Tag fragt, ob man am richtigen Ort ist.
Sie ist erschöpfend und nicht fair.
Diese „nicht böse“ gemeinte Ignoranz hat eine enge Schwester und sie heißt „latenter Rassismus“.

Daher mein Tipp für alle: die Gültigkeit der Erfahrungen kann nur von den Menschen beurteilt werden, die diese Erfahrungen gemacht haben. Jede Person macht unterschiedliche Erfahrungen. Dass man gewisse Erfahrung nie gemacht hat, bedeutet nicht, dass sie nicht existieren.

 

 

Bild: tmorkemo CC

Oumaima Laaraki