My Migrant Mama

Im März haben Manik und Melisa ein Buch über ihre Migrant Mamas veröffentlicht und feiern darin Migration. Jedes Kind kann stolz auf ihre Migrant Mamas sein! Wir haben mit Manik gesprochen.

 

 

Manik, Melisa und du habt vor kurzem euer Buch “Mama Superstar” veröffentlicht, in dem ihr die Geschichten eurer Migrant Mamas erzählt. Wie kam euch die Idee zu dem Buch?

 

Melisa und ich haben uns vor 4 Jahren während eines Auslandssemesters in Mumbai kennengelernt und schnell war unsere Migrationserfahrung, aber auch die Erfahrung Kinder von Migrant*innen zu sein, ein wichtiges Thema in unseren Gesprächen. Besonders gerne haben wir uns über unsere Mamas ausgetauscht. So fing auch ein Wettbewerb zwischen uns an:

„My Migrant Mama is cooler than yours because….“

Wir tauschten verschiedene Erfahrungen aus, wie „weil sie so hart gearbeitet hat, um mir mein Studium zu finanzieren“ oder „sie war so kreativ beim Erlernen einer neuen Sprache“ oder „sie war hartnäckiger als jeder andere, um das zu bekommen, was ihr wichtig war“. Schnell wurde uns klar, dass wir unsere Mamas bewunderten, weil sie die vielen Herausforderungen von Mutterschaft und Migration überwunden hatten und daraus so viele wunderbare Möglichkeiten geschaffen hatten. Die Erinnerungen an die alltäglichen Kämpfe unserer Mütter waren jedoch bittersüß, weil wir uns auch noch gut daran erinnerten, dass wir als Kinder oft lieber “normal” gewesen wären und uns nicht-migrantische Eltern gewünscht hätten, die weniger auffallen. So entstand bei uns der Wunsch, dass andere migrantische Kinder früher als wir stolz auf ihre Wurzeln sein könnten. Und dachten uns ‘Wir sollten ein Buch über unsere Migrant Mamas schreiben!’

 

Was ist seitdem passiert?

 

Die Idee, unsere Migrant Mamas zu feiern, blieb uns mehrere Jahre erhalten, bis sie im Oktober 2017 Wirklichkeit wurde. Melisa entschied sich, ihren Job zu kündigen, um in ein neues Abenteuer zu starten. Da die Themen Migration und Female Empowerment schon immer ihre Leidenschaft waren, rief sie mich an und sagte: ‘Lass und Migrant Mama gründen und dieses Buch machen’. Ich war sofort mit Feuer und Flamme dabei und so starteten wir die Bewegung Migrant Mama und machten uns an das Buch.

Wir fragten zehn Freundinnen mit Migrant Mamas ob sie bereit wären, ihre Geschichten mit uns und der Welt zu teilen. Wir gaben ihnen einen Fragebogen mit dem sie ihre Migrant Mamas interviewen sollten und interviewten dann die Töchter. Jedes Kapitel einer Migrant Mama wurde mit einem ihrer Lieblingsrezpte und einem Aufruf der Tochter abgerundet. Nach einem Jahr freudvoller, aber auch harter Arbeit war dann das Buch fertig und wir beschlossen es Anfang 2019 zu veröffentlichen. Als wir anfingen die ersten Bücher zu verkaufen, waren wir ziemlich aufgeregt, aber Mama Superstar kam bei Migrant Mamas wie Migrant Kids und auch bei Menschen ganz ohne Migrationsgeschichte so gut an, dass die erste Auflage von 5.000 Stück innerhalb von 4 Wochen ausverkauft war. Jetzt wurde Migrant Mama für den Deutschen Integrationspreis nominiert und für unser zweites Buch Mama Superstar: Community Edition nehmen wir gerade an einem Crowdfunding Contest teil.

 

Migrant Daughters

 

Warum denkt ihr, ist es wichtig diese Geschichten zu erzählen?

 

Jede Migrant Mama ist ein Vorzeige-Beispiel für Mut, Kreativität, Entschlossenheit und bedingungslose Liebe.

Wir sollten auf sie zugehen, sie unterstützen und von ihnen lernen. Wir finden, dass die alltäglichen Geschichten der Migration unsichtbar sind und sind überzeugt von der Wichtigkeit Migrantinnen in den Mittelpunkt ihrer eigenen Geschichten zu rücken. Nur so lernen wir als Gesellschaft das wahre Gesicht von Migration kennen und verstehen, dass wir diese genießen und feiern sollten.

 
Wieso habt ihr euch speziell auf die Migrant Mamas konzentriert, und nicht etwa die Papas?

 

Kurz gesagt, weil Melisa und ich Feministinnen sind. Aber auch aufgrund von persönlichen Erfahrungen. Väter sind oft Helden der Kindheit, aber Mamas kriegen diese Wertschätzung oft erst später. In der Gesellschaft sind Migrant Mamas noch unsichtbarer als Migrant Papas und wir wollten dies ändern in dem wir Migrant Mamas in das Scheinwerferlicht rücken. Dass uns dann vor allem Töchter, und nicht Söhne zugesagt haben, bei dem Projekt mitzumachen war ein Zufall, aber die weibliche Energie während des gesamten Projektes fanden wir unglaublich toll!

 

Ursprünglich sollte euer Buch ‘My Migrant Mama’ heißen. Wieso habt ihr den Namen zu ‘Mama Superstar’ geändert?

 

Von Anfang an war der Titel des Buches klar: My Migrant Mama, da manche aber Probleme mit der Aussprache und dem Verständnis der englsichen Formulierung hatten entschieden wir uns zunächst für Migrant Mama. Als wir dann anfingen zu testen, wie gut sich das Buch verkaufte, waren wir schnell enttäuscht.

Migrant Mama war kein Titel der sich gut verkaufte.

Also beschlossen wir den Titel zu ändern.

 

Welche Rolle spielt Rassismus in euren Geschichten? Tauchen auch die Diskriminierungserfahrungen von Migrant Mamas in euren Geschichten auf?

 

Natürlich haben alle Migrant Mamas auch Rassismus erfahren, aber jede Person mit einer Migrant Mama wird wissen, dass diese selten vom erlebten Rassismus erzählen. Wahrscheinlich wollen Migrant Mamas ihre Kinder vor Rassismus schützen. Wir sind beim Schreiben der Geschichten so nah wie möglich an den Erzählungen der Mamas und ihrer Töchter geblieben. Aus diesem Grund tauchen nur vereinzelt Rassismuserfahrungen auf. Und oft musste die Antwort der Mamas zu Erfahrungen mit Rassismus von den Töchtern ergänzt werden.

 

Kannst du einen Auszug aus deiner Lieblingsgeschichte als kleine Leseprobe für uns teilen?

 

Es ist schwer ein Kapitel zu auszuwählen, aber ich habe mich spontan für eine Geschichte von Mama Hareg aus Äthiopien entschieden.

 

“Am Mittwoch, da ist Mitte der Woche, und am Donnerstag ist Dönerstag. In Haregs Familie war nur selten „Dönerstag“, aber Helen denkt immer noch sehr gerne daran: „Manchmal, wenn wir von der Schule nach Hause kamen und es ein stressiger Tag für meine Mama gewesen war, hatte sie uns etwas Geld hingelegt und einen Zettel: ,Heute ist Dönerstag. Guten Appetit, meine Lieben!‘ Dann rannten wir los zur nächsten Dönerbude.“

Seit ihre jüngste Tochter im Kindergarten war, arbeitete Hareg in verschiedenen, körperlich anstrengenden Jobs, zum Beispiel als Putzfrau oder Küchenhilfe. Jeden Morgen stand sie früh auf, bereitete das Frühstück vor, kochte das Mittagessen vor und weckte schließlich ihre Kinder. Wenn alle drei endlich am Frühstückstisch saßen, machte Hareg ihnen ihre Brotdosen für die Schule fertig und verabschiedete sie. Die kinderfreie Zeit nutzte sie, um die Wohnung zu putzen. Aber viel Zeit hatte Hareg sowieso nicht, denn bald musste sie los zur Arbeit. Auch wenn Haregs Tage stressig waren, fand sie immer die Zeit, einen liebevollen Zettel an ihre drei Kinder zu schreiben. Jeden Tag, wenn Helen und ihre Geschwister nach der Schule nach Hause kamen, sahen sie volle Töpfe auf dem Herd und einen gedeckten Esstisch. Auf dem Tisch ein Zettel mit einer Nachricht von Hareg, zum Beispiel: „Macht euch einen schönen Teller. Vergesst nicht, euch was vom Spinat und den Kartoffeln zu nehmen. Lasst es euch schmecken, meine Lieben!“

Helen erinnert sich, dass immer mehrere Töpfe bei ihrer Mama auf dem Herd standen. Wenn sie kochte, bedeutete das nicht „Pasta mit Pesto“, sondern es kamen mindestens fünf Töpfe zum Einsatz. Die äthiopische Küche ist nämlich nichts für spontane Menschen. Allein der Teig für das typische Brot, das zu fast allen Gerichten gegessen wird, Injera, musste mehrere Tage ruhen. Wenn Hareg Gäste für den Sonntag einlud, musste sie schon am Montag anfangen, Essen zuzubereiten. Sie konnte nur nachts nach der Arbeit kochen, und viele der äthiopischen Gerichte mussten mehrere Tage ziehen. Wenn dann aber endlich Sonntag war und die Gäste kamen, wurde es richtig gemütlich, denn ein so lang zubereitetes Essen muss mit viel Genuss gegessen werden. Wie Hareg das alles schaffte, ist Helen immer noch ein Rätsel: „Als erwachsene Frau mit einem eigenen Haushalt und einem Job frage ich mich schon, wie meine Mama das alles geschafft hat. Ich glaube, sie hat einfach nicht geschlafen.“ Manchmal brauchte aber selbst Hareg Schlaf; dann nahm sie einen Zettel und beschloss einfach: Heute ist Dönerstag!”

 

Wie geht es jetzt bei euch weiter?

 

Wir wollen weiterhin Migration feiern und wir glauben, das können wir besonders gut mit dem nächsten Buch Mama Superstar: Community Edition. In diesem Buch wollen wir die Geschichten von 100 Migrant Mamas sammeln und erzählen. Dafür hoffen wir genug Geld beim Crowdfunding zusammen zu kriegen um deutschlandweit Migrant Mamas und ihre Kinder zusammen zu bringen und sie zu motivieren ihre Geschichten zu erzählen. Wenn ihr neugierig geworden seid: Unser Buch kann aktuell über unsere Crowdfunding-Kampagne gekauft werden: Einfach als Dankeschön 1 Buch auswählen.

 

Migrant Mama Community

 

Bilder: © privat 

 

 

 

 

 

 

Maura Magni