Hey, ich habe (Zukunfts-)angst

Nach dem Schulabschluss steht einem die Welt offen, heißt es. Unsere Autorin erzählt ungeschönt vom Anpassungsdruck in der Lohnarbeit und dem alltäglichen Wahnsinn unserer sexistischen Leistungsgesellschaft, den sie erlebt hat.

 

Messungen als Weltanschauung

 

Mit den Worten „Sei Du selbst!“ wird man ins „Erwachsenwerden“ entlassen. Sei Du selbst, heißt allerdings nicht „Sei Du selbst!“, sondern vielmehr: sei so, wie wir Dich gern hätten. Pass Dich an. Denn wer und was du bist oder was du fühlst, spielt keine Rolle. Es ist egal und du bist allein. Erstmal. Es ist egal, was du zu sagen hast. Es ist egal, was du denkst und am allerabsurdesten ist es, dass auch du mal deine Fresse aufmachst. Denn das wird dir nicht gestattet. Du hast nichts zu sagen. Wenn du’s tust, biste ganz schnell deinen Job los, denn wer will schon eine*n Mitarbeiter*in, der*die die Fresse aufkriegt?

 

Verkaufe Dich

 

Erstes Halbjahr 10. Klasse geht’s ran an Bewerbungen schreiben oder du entscheidest dich eben für das Abitur (in den meisten Fällen, weil man keinen Plan hat, was man sonst tun soll). Aber wenn du’s weißt, Hut ab! Gut, dann gibt’s da diejenigen, die alles vor sich herschieben. Und dann gibt es so Leute wie mich – Leute mit Zukunftsangst. Solche die 200 Bewerbungen innerhalb eines Monats verschicken und weinen, weil keine Antwort kommt oder nur unzählige Absagen erhalten. So Menschen, die versuchen von sich zu überzeugen und irgendwann anfangen zu belügen, um „besser“ zu sein, „besser“ zu wirken. Ist nicht jede*r von uns kommunikativ und die reinste Arbeitsbestie? Von dir wird verlangt, dass du mit deinen zarten 16-18 Jahren weißt, wo du stehen wirst, was du erreichen willst und wer du bist. Und wehe, du bist labil. Wehe, du bist unsicher, du bist du selbst oder noch schlimmer… WEHE, DU KRIEGST ES NICHT HIN!

Nun gut, nach unzähligen Niederlagen, Verzweiflung und Heulkicks wendest du dich an deine Eltern, fragst sie wo sie sich dich in der Zukunft vorstellen. Die Top 3 aller Antworten erfährst du jetzt:

 

Mach Dein Abitur! Du brauchst bessere Noten. Mit Deinem Durchschnitt von 2,5 nimmt Dich doch keiner!

 

 

Werde Arzt oder Anwalt. Ganz viel Patte!

 

 

Das musst Du doch am besten wissen. Mach´ was Dir Spaß macht!

 


Überspringen wir einmal die Berufsberatung und kommen direkt zum Vorstellungsgespräch. Frau soll Bluse anziehen, dezent geschminkt sein und Mann soll Hemd und im besten Fall eine Anzughose tragen. Dein Aussehen ist jetzt erst mal dein Kapital. Überzeugst du nicht: DÖÖÖP – next! Ich hab mich letztens was getraut, verbunden mit dem Risiko nicht genommen zu werden aber ich hab’s als Experiment gesehen und ich muss sagen, das war alles andere als eine schöne Erfahrung.


Sei normal

 

Vorerst zu mir, für die Leute, die mich nicht kennen und das wird so gut wie jeder sein. Ich habe viele Facetten. Ich kleide mich gerne elegant und benutze auch gerne Massen an Make-Up. Nicht, weil ich mich „verstecke“ oder ich mich ungeschminkt „hässlich“ finde, sondern ganz einfach: Weil ich es mag. Ich bin gern overdressed und ich steche auch gern heraus. Ich mag hohe Schuhe, kleide mich Figur- betont, kurz – ich kleide mich sehr feminin. Ich stehe eineinhalb Stunden früher auf, um mich herzurichten, um mich gut zu fühlen. Und das tat ich auch, als ich zu meinem Bewerbungsgespräch ging. Ich war stark geschminkt, trug einen Rollkragenpullover und eine Anzughose, die High Waist saß, dazu einfache, flache Schuhe in schwarz. Sehr schlicht für meine Verhältnisse. Dann saß ich da. Mein Gegenüber beäugte mich und ich konnte direkt sehen, wie ich verurteilt wurde. Vermutlich als „hohl“, „billig“ oder „tollpatschig“, weil das sind Frauen, die sehr stark geschminkt sind, die Figur-betontes tragen oder sich zurechtmachen – zumindest in den Augen, dieser Menschen. Und Frauen, die sich nicht für ihr Äußeres interessieren sind wiederum „Mannsweiber“ oder so etwas. Ihr wisst schon – es ist nie recht, egal wie man es macht. Meinem Lebenslauf wurde recht wenig Aufmerksamkeit geschenkt, weil anhand meines äußerlichen Erscheinungsbildes konnte man ja bereits entnehmen, dass ich „’ne krasse Schlampe“ bin oder irgendwie unfähig. Ich hätte länger über meine Qualifikationen sprechen können, aber es hatte gar keine Relevanz. Ich sollte grob von mir und meinen Erfahrungen berichten. Ich war überrascht. Mir wurde ein einwöchiges Praktikum angeboten. Ich sollte ja immerhin den Beruf etwas kennenlernen, bevor ich mich drei Jahre lang in mein Unglück stürze. Das Praktikum trat ich dann mit etwas Bauschmerzen und Angst an. Ich wollte mich nicht unterkriegen lassen. Ich wurde erneut von unten bis oben gemustert. Analysiert. Mir wurden erneut diese Blicke vor die  Füße geworfen. Dieser Blick, der einem sagt: „Du bist bestimmt billig. Wahrscheinlich hast du dir von deinem Sugardaddy alles finanzieren lassen und hast noch nie in deinem Leben gearbeitet.“

 

Sei die Firma

 

Am zweiten Tag kam ich ungeschminkt zur Arbeit. Ich fing an, mich aufgrund der Blicke unwohl zu fühlen. Ich veränderte mich unbewusst. An dem Tag bekam ich ein Kompliment. Von meiner Chefin und von meiner Kollegin. Ich würde viel besser aussehen und ich solle die Schminke weglassen. Das Praktikum war beendet und ich bekam eine Zusage, allerdings Wochen später. Sie versuchten jemand anderes zu finden, was ihnen nicht gelang und ich musste jetzt wohl hinhalten. Bereits nach einer Woche dort bekam ich von der Mitarbeiterin an den Kopf geworfen, dass man mich aufgrund meines Erscheinungsbildes nicht einstellen wollte. Ich würde nicht dazu passen und die Firma in ein schlechtes Licht stellen. Die Kund*innen würden sich vor mir erschrecken und mich sicherlich fragen, wie viel ich pro Nacht nehmen würde. Dies war wohl der krasseste Schlag in die Fresse. Ab diesem Tag lief ich nur noch in über-großen Pullovern durch die Gegend. Nicht nur auf der Arbeit, sondern auch zuhause. Ich konnte mich nicht mehr ansehen und war beschämt. Ich war beschämt, Frau zu sein. Ich versteckte mich, machte mich nicht mehr zurecht und zog mich zurück. Ich war durchgehend müde, traurig und erschöpft. Das Highlight kam dann vor ein paar Tagen. Ich saß im Büro und machte meine Arbeit als die Chefin reinkam. Sie erzählte von einem Presseartikel über die Firma, der veröffentlicht werden sollte. Am Folgetag solle ein Mann von der Zeitung kommen und eventuell würde er auch Fotos von uns machen, sagte sie. Sie sah mich an und meinte darauf: „Also Frau T., das heißt für Sie, dass Sie sich dementsprechend kleiden und nicht wie eine im Stripclub arbeitende … herumlaufen.“ Ich verkniff mir, nicht zu weinen und nickte einfach. Wie reagiert man auch bei so etwas? Klar, im Nachhinein hätte ich wohl meine Fresse aufgemacht und sie gefragt, was sie sich eigentlich denkt, wer sie sei. Aber es kam wie ein Stich ins Herz.

 

Der Kopf versucht auszuschalten, das Herz ignoriert’s nicht

 

Mir waren schon häufiger Dinge wie diese passiert: Als ich noch in der Gastronomie-Branche tätig war, wurde ich täglich gefragt, ob ich für ´nen Fuffi nicht mit ins Hotelzimmer kommen mochte. Ich wurde von männlichen Bekannten auf meinen Körper reduziert. Der Kopf versucht auszuschalten, das Herz ignoriert’s nicht. In Clubs wurde mir einfach an den Arsch gefasst oder an die Brüste. Mir wird hinterher gepfiffen, hinterher gehupt, hinterher gegeiert, mir aufgelauert, Angst gemacht. All das gehört zum Alltag einer Frau, meinem Alltag. Aber in einem Betrieb zu arbeiten mit Frauen, die dich unten halten wollen, weil du du bist…dass du bei Gleichgesinnten nicht du selbst sein kannst, ist wohl das I-Tüpfelchen. Ich bekomme Migräneanfälle, wenn ich daran denke, dass ich am nächsten Tag wieder dorthin zurückgehe. An einen Ort, an dem ich nicht Ich sein kann und auf diese Weise reduziert werde. Und da sind wir wieder beim Punkt Zukunftsangst. Abbruch funktioniert nicht. Ich bin auf eine weitere Ausbildung angewiesen. Ich muss mein Geld verdienen, ich möchte nicht ohne Qualifikation dastehen. Ich habe Zukunftsangst.

 

Ihr könnt Sam auch auf Instagram finden unter: @3goister_

 

 

Bild: Jef Safi CC