Ein gewöhnlicher Tag brach an. Die Hitze, die sich später über das ganze Land auszubreiten drohte, war noch nicht zu spüren. Im Fernsehen liefen die Nachrichten und jemand berichtete über die Auseinandersetzungen an der Grenze Südossetiens. Der Straßenverkehr im Hintergrund, ich saß am Tisch und trank Kaffee, da sendete ein georgischer TV-Sender den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Er sagte, Georgien werde seine Antwort kriegen. Es war der 5. August 2008. Da ich Semesterferien hatte, war ich zurück in meiner Heimatstadt. Ein langsamer Tag fing an, an dem nichts vorgeplant war. Er schien ein völlig normaler Tag zu werden, doch gegen Mittag stellte sich heraus, dass ich diesen Tag nie wieder vergessen werden würde.
Ich nahm Abschied von meinen Straßen, von meinem Elternhaus. Wir nahmen nur das Nötigste mit und versteckten uns vorerst im Keller eines Nachbarn. Werde ich je wieder zurückkommen? Für einen Augenblick konnte ich den bitteren Geschmack eines Flüchtenden förmlich spüren. Schreiben rettete mich damals und verlieh diesem unmenschlichen Wahnsinn einen kleinen Sinn. Der Wunsch und mein Glaube am Überleben waren letztendlich stärker als die Angst zu sterben. Dabei sah man nichts häufiger als den allgegenwärtigen Tod. Der Tod jedoch kannte keine Jugend und kein Alter. Wenn er herrscht, dann herrscht er über alle.

 

 

Auf der Kriegsspur

 

Es gibt Momente im Leben,…

Es gibt Momente im Leben, die einem nie aus dem Gedächtnis entwischen, die viel zu stark dafür sind, um vergessen oder verdrängt zu werden. Wenn der Tod sich nähert und man diese Begegnung mit ihm überlebt, fängt ein neues Leben an, wird ein neues Kapitel aufgeschlagen.
Warum sollten meine Freund*innen ihr Leben einfach so hergeben? Wozu soll sich der Mann, den ich liebe, opfern? Weshalb soll das Leben vieler Menschen hier ein Ende haben und wer entscheidet darüber, wann die Mütter ihre Söhne das letzte Mal sehen dürfen?

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“
– (Hiram Johnson)

– und so merkt man schnell in einem Kriegszustand, dass das menschliche Leben und Wahrheit rasant abgewertet werden. Alles, was uns eine unabdingbare Sicherheit gibt, Heimat, vertraute Straßen, Nachbar*innen, Gesichter der Familie, standen auf einmal auf wackeligen Füssen.

 

 

Heimweh ist wie eine Meereswelle

Heimweh ist wie eine Meereswelle, die sich langsam nähert, auf dem Weg zu dir Kräfte sammelt und dich dann überwältigt. Bestimmte Gerüche oder Menschen, die alten Bekannten ähnlich sind, können die Auslöser sein. Aber auch eine bekannte Melodie, eine kostbare Kindheitserinnerung, Gedanken an deine so sorglosen Sommertage im Ferienhaus auf dem Land. Das alles umfasst so viele wunderschöne Farben und am Ende steht der blutige Krieg, der einen Schatten über die ganzen Erinnerungen wirft und das Schwarze Meer rot färbt.

Eine letzte Szene ist noch tief in meinem Gedächtnis verankert: Ich, sitzend auf der Treppe einer Kirche. Hinter mir alte Fassaden der Heiligen, gerade ist ein Gottesdienst beendet worden. Gedränge am Kircheneingang, der Duft der ausgegangenen Kerzen und des Weihrauchs vermischen sich, steigen hoch in die Nase und haben etwas Friedliches und Vertrautes an sich. Man sieht überwiegend ältere Menschen und Männer, keine Kinder und keine Frauen. Dann kommt eine fremde ältere Dame direkt auf mich zu, schaut mir tief in die Augen und sagt: Danke für deine Zuversicht! – das traf mich wie ein Schlag, denn das war für mich kein so zuversichtlicher Augenblick, doch anscheinend behielt ich ein friedliches Erscheinungsbild für die Außenwelt.

 

Bild: Dmitry Terekhov CC