Ich bin wütend auf die geschockten und empörten Reaktionen auf den Tod George Floyds. Nicht der Schock oder die Empörung an sich machen mich wütend, sondern die Tatsache, dass sie erst jetzt kommen. Es ist gut, dass endlich mal mehr als nur „Die spinnen doch, die Amis“ kommt, aber es macht mich so wütend, dass Menschen erst so laut, so verzweifelt, so wütend werden müssen bis sie gehört und respektiert werden.

Es macht mich wütend, dass diese Reaktionen in Deutschland, oder auf der ganzen Welt, nicht schon bei den vielen Menschen, die vorher schon auf so gewalttätige Art und Weise ermordet wurden, da waren. Ich habe schon fast Hemmungen mich der Welle der Solidarität anzuschließen, weil ich sie nicht ernst nehmen kann. So oft wurde bereits auf (rassistische) Polizeigewalt auf der ganzen Welt aufmerksam gemacht und es schien niemanden gejuckt zu haben.

Und jetzt auf einmal sind alle Menschen so antirassistisch, schon fast als würde man sagen „Die armen Amis da drüben. Guckt uns an, wir guten Menschen, wir stehen zu euch.“ Aber: Wo wart ihr vorher? Wo seid ihr jeden einzelnen Tag, an dem Rassismus unsere Leben durchzieht?

Versteht mich nicht falsch, ich möchte noch ein Mal betonen, dass ich die Reaktionen in Deutschland an sich gut finde. Und ich weiß, dass solche Reaktionen nicht immer laut sind. Ich hinterfrage meine Reaktionen auch selbst. Ich bin bei vorherigen Ermordungen auch nicht auf die Straße gegangen. Ich habe meiner Meinung nach selbst nicht immer (oder niemals?) dem Umstand angemessen stark reagiert. Aber darum geht’s mir gar nicht.

Mir fehlt bei diesen Solidaritätsbekundungen einfach nur die Einsicht, dass man selbst als Individuum eine Verantwortung nicht erst jetzt, sondern schon immer getragen hat. Mir fehlen die Einsichten, dass die eigene Empörung schon viel früher hätte kommen müssen. Mir fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit sich selbst, anstatt nur mit den USA. Denn Rassismus ist nicht nur institutionell und strukturell, sondern auch diskursiv und subjektiv. Er ist in deinem Alltag präsent. In deiner Sprache, in deinem Denken. Du, der*die das liest, kannst dich nicht von Rassismus freisprechen. Sei dir bewusst, dass du dich immer, zu jedem Zeitpunkt, hinterfragen solltest, so wie BI_POCs immer, zu jedem Zeitpunkt, Rassismus ausgesetzt sind.

 

Bild: Jason Hargrove CC