“Also mit Politik kenn‘ ich mich gar nicht aus.”

“Politik ist ja mal gar nicht mein Fall.”

“Mit Politik habe ich rein gar nix am Hut.”

Wenn ich diese Aussagen höre, frage ich mich meistens, was die Menschen, die diese treffen sich unter „Politik“ vorstellen. Sind es verschiedene Regierungsmodelle, mit denen sie sich nicht auskennen? Sind es die Philosoph*innen des 19. Jahrhunderts, die ja mal gar nicht ihr Fall sind? Oder sind es etwa doch die Verhältnisse von Marginalisierung, Diskriminierung und struktureller Unterdrückung, mit denen sie nichts am Hut haben? Oder genauer betrachtet: Mit denen sie nichts am Hut haben wollen?

 

Politik bestimmt vieles

Politik bestimmt vieles – es bestimmt die Art wie Gesellschafts- und Regierungssysteme aufgebaut sind, es bestimmt Gesetze und Regelungen, an denen sich alle Menschen tagtäglich richten oder nicht richten, es bestimmt unsere Rechte, unsere Ansprüche, und unsere (Un-)Freiheiten. Man könnte behaupten, Politik bestimmt alles. Für manche ist Politik ein ferner Komplex, von dem man zwar weiß, dass er da ist, aber ihn nicht näher beachten mag. Für andere ist Politik oder das Politische, das, was sie von Geburt an, bis an ihr Lebensende begleiten wird. Ich spreche hier von Menschen die in Armut geboren werden und aus dieser, aufgrund der Hürden des kapitalistischen Systems, nicht herauskommen.

 

Und ich spreche von…

Ich spreche von nicht-weißen Menschen, die bereits im Kindesalter realisieren, dass sie sich von den anderen weißen Kindern unterscheiden und entsprechend jetzt und in Zukunft anders behandelt werden.

Ich spreche von Frauen, die nach Fällen von sexuellem Missbrauch vom Staat zusätzlich missachtet werden, die für gleiche Arbeit weniger Geld bekommen und jahrelang unbezahlte Arbeit im eigenen Zuhause leisten.

Und nicht zuletzt spreche ich von Menschen, die all diese Erfahrungen in verschiedensten Intersektionen machen müssen – jeden Tag und in ihren verschiedensten Gesichtern.
Für all diese Menschen bedeutet bloße Existenz politisch sein.

 

Politisch Sein ist kein Hobby

Das Politisch Sein ist hier kein Interesse, kein „Hobby“, dem man sich zu- oder eben abwenden kann. Man ist gezwungen, sich dem zu zuwenden und jeden Tag, jede Minute und jede Sekunde seines Lebens wird man immer wieder aufs Neue damit konfrontiert.
Das bedeutet Last. Es bedeutet eine enorme und ungewollte Last für diejenigen, die die Folgen einer gegen sie gerichteten Politik auf den Schultern tragen. In welcher Form auch immer Betroffene sich auflehnen und dem entgegenwirken wollen, der Raub von Energie, Kraft und psychischer Kapazität, ist das was Betroffene gemeinsam haben. Doch nicht jede*r kann diese Erfahrungen nachvollziehen.

 

Ich denke hierbei an Hanau

Ich denke hierbei an Hanau. Als dort am 19. Februar Schüsse gefallen sind, wurden neun Menschen aufgrund ihrer politisch zugewiesenen Identitäten erschossen. Hanau veränderte schlagartig das Leben der Nahestehenden und Angehörigen der neun Menschen, und versetzte viele Menschen,  insbesondere diejenigen mit Migrationsgeschichte, in Angst und Trauer.
Einen Tag später, zwei Stunden von Hanau entfernt, gingen in Köln tausende kostümierte Menschen auf die Straße, um Karneval zu feiern. Tausende machten Party, während weitere Tausende trauerten. Nie wurde mir stärker vor Augen gehalten, welches Ausmaß das Privileg des apolitisch Seins annehmen könnte.

 

I can't breathe

Rest in Power

Außer heute. George Floyd, ein Schwarzer Mann aus den USA, wurde durch einen Polizisten ermordet. Die BlackLivesMatter Bewegung geht hierfür auf die Straße, demonstriert und protestiert gegen einen rassistischen Staat. Auf sozialen Plattformen wird von vielen wahrgenommen, was geschieht und viele teilen Bilder, Eindrücke und Gedanken zu den Geschehnissen. Oft tummeln sich daraufhin Reaktionen, online und in Person, man würde ja immer nur „von negativen Dingen reden“. Die Privilegien, die hinter diesen Vorwürfen stecken, sind beinahe mit den Händen greifbar.

 

Das Privileg der verschlossenen Augen

Diese „negativen Dinge“ sind Lebensrealitäten, mit denen wir jeden Tag zu kämpfen haben. Realitäten, denen wir uns gerne selbst entziehen würden. Nur ist dies nicht möglich und man ist gezwungen, sich dieser Realität zu widmen. Im Gegensatz zu den Menschen, die sich beschweren, man sei zu „negativ“, fehlt uns leider die Option, die Augen vor dem Negativen, dem Rassismus, zu verschließen und stattdessen das Positive zu sehen.

 

Das Persönliche ist Politisch

Ich denke hierbei daran, wie Menschen reagieren, wenn ich ihnen sage, inwiefern ich Politik in mein Leben involviere und weiterhin durch Studium und Arbeit in mein Leben involvieren will. Viele von ihnen beziehen dies auf sich selbst und behaupten, wie das „gar nicht ihr Fall“ sei und sie „gar keine Lust“ darauf hätten. Dabei vergessen sie, dass ich politische Bewegung und Veränderung weniger als Hobby, sondern als persönliche Pflicht betrachte. Und ich würde mir wünschen, dass jeder Mensch, es bis zu einem gewissen Grad als persönliche Pflicht betrachtet, sich bestimmten politischen Themen, welche von Ungleichheit und Unterdrückung zeugen, zu widmen.

 

Privilegien

Es ist ein Privileg, sich nicht mit derartigen politischen Themen auseinandersetzen zu wollen. Es ist ein Privileg, sich nicht mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. Es ist ein Privileg, nicht von jeglicher Form von Diskriminierung betroffen zu sein. Doch dieses Privileg, bleibt mehr als
genügend Menschen verwehrt. Die Frage die sich hier stellt, ist ob man trotz dieser Privilegien, anerkennt, dass Menschen Unrecht getan wird und sich dagegen auflehnt, oder ob man weiterhin in seiner eigenen blinden Blase leben will und sich vor der Realität versteckt. Es ist keine Frage von unterschiedlichen Interessensgebieten, klare Ungleichheiten in der
Gesellschaft anzuerkennen und darauf zu reagieren. Es ist eine Frage von Respekt und Solidarität. Denn: Bist du in Zeiten von Ungerechtigkeit neutral, hast du die Seite des Unterdrückers gewählt – Desmond Mpilo Tutu.

 

Bild: Lorie Shaull CC