In eine Arbeiter*innenfamilie mit Migrationsgeschichte geboren zu werden, ist nichts was mensch sich aussuchen kann – meint man. Die eigene Schuld ist es umso weniger. Ich wachse auf wie auf eine Sinuskurve, dessen Tiefen meine Persönlichkeit und meine Selbstwahrnehmung stärker prägen als ich mir bewusst sein wollte – gezeichnet von Scham, Selbsthass und Selbstverleugnung.

Die Höhen waren unsichtbar und sind für mich bis heute noch sehr abstrakt. Sie waren da, wenn ich endlich mein erstes Smartphone bekommen habe und doch blieb meine Unzufriedenheit grenzenlos, denn es war noch immer nicht so gut wie das der Anderen. Oder als ich mit 14 Jahren, zu meiner Jugendweihe, wie meine Freund*innen endlich mein Ikea-Zimmer bekommen habe.

I am a migrant kid, but me.
In meiner Familie bin ich das Sandwich-Kind

In meiner Familie bin ich das Sandwich-Kind, habe eine große Schwester und einen kleinen Bruder und irgendwie verstehe ich die „Vorteile“ des Mittelkindes nicht so ganz: Ich hab mich immer irgendwie außen vor und unsichtbar gefühlt. Wir wuchsen mit einem materiellem Verständnis auf, das nicht privilegiert ist. Von Generation zu Generation wurden Schulbücher und Möbel weitergegeben – und doch haben sie nie ihren Nutzen erfüllt, weil unsere Bedürfnisse sich immer wieder an die neuen Bedürfnisse im Kapitalismus anpassen mussten.

Aber ich erinnere mich auch an eine Zeit als wir wohlhabend waren. Da waren meine Eltern noch selbstständig und haben einen Textilwarenladen im Dong Xuan Center betrieben. Dort habe ich auch die meiste Zeit meines Kleinkind-Seins verbracht und dort zum ersten Mal geklaut. Und bis heute bleibt es einer meiner liebsten Hobbys – auch wenn mensch erwischt und von der Polizei rassistisch beleidigt und behandelt wird. Ich erinnere mich, wie wir umgezogen sind und wir neue Möbel gekauft haben und ich das Gefühl hatte, dass wir uns neue Sachen leisten konnten. An die Sonntage wie wir zum Hauptbahnhof gelaufen sind – ich laufend und meine Bruder im Kinderwagen – und bei McDonald’s essen waren. Oder daran wie meine Mama mir regelmäßig neue Klamotten mit nach Hause gebracht hat.

 

Ich lernte über die Jahre, wer nicht aus meiner „sozialen Klasse“ kommt

Ich wuchs damit auf nicht viel verlangen und besitzen zu können oder zu dürfen – und nach Geld zu fragen, fiel mir immer schwer. Ich lernte über die Jahre, wer nicht aus meiner „sozialen Klasse“ kommt. Diese ganzen Bürgi-Kinder, die sich jeden Tag zwei oder, oh mein Gott, sogar drei Mal ihre scheiß Zähne putzen und die sich in der Schule ständig melden. hihi haha. Ihr nervt mich und ich krieg das Kotzen, wenn ich euch sehe. Ja und das bin ich, Phuong, die* besser als die „deutschen Klassenkamerad*innen“ sein muss, um ihnen zu beweisen, dass ich genauso gut wie sie bin, oder eigentlich: genauso gut bin wie ich nun mal bin. Aber wer bin ich denn mit 13 Jahren?

Ich trage eine feste Zahnspange mit knallgrünen Brackits und Pickeln auf meiner Stirn, erlebe zum ersten Mal Liebeskummer und fühle mich depressiv. Den Drang dazuzugehören und ein glückliches Tumblr-Leben zu führen.

Ich bin Phuong, die* angeblich keine Ilis Brause kennt – schmeckt mir eh nicht dieses Chemie-Zeug! – und die angeblich noch nie Fischstäbchen gegessen hat – weil Fleischkonsum ja auch so geil ist. Ich bin eine*, die „oh, sie können aber gut deutsch sprechen“ ist und Freund*innen, sagen „Dass der das gefragt hat“ – „Ja, aber das war doch voll positiv gemeint! :’)1<3!“

 




- und ich so: ……

Denn ich bin ja auch Phu, die* „gut deutsch sprechen kann in Anbetracht dessen, dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist“ und ne Freundin sagt, dass mein Nicht-Muttersprachen-Deutsch aber wirklich was ausmacht. Danke dafür, übrigens – das hat mich echt zum Kotzen gebracht. Und ich bin Phuong und Phu, und Ha und muss auf jede mögliche Kombination meines Namens reagieren. Ich bin die*, die* über die Jahre ein (selbsternanntes Phänomen) „White-Girl-Komplex“ entwickelt hat – und sich bis heute schwer davon lösen kann.

 

Außer dass ich heute kein Mädchen mehr bin.

Frustriert und die ganze Zeit in einem inneren Zwiespalt gebunden, kann ich erst nach jahrelanger Erfahrung von Demütigung und Fremdzuschreibung das Phänomen benennen: Rassismus. Yay, Rassismus – ach ja und 2. Generation. Ja, und jetzt? Wer bin ich jetzt nach dieser Erkenntnis und wer war ich vor dieser?

 

Bild: Carlos Solares CC