Die Frage nach Identität stelle ich mir als Postmigrant. Was das sein soll? Kurzfassung: Meine Eltern sind migriert und haben einen Migrationshintergrund. Ich selbst bin nicht migriert und habe keinen Migrationshintergrund. Demnach bin ich Postmigrant.

Als Postmigrant*in bist Du potenzielles Opfer von Nazis und Faschist*innen. Es ist nun Fakt, dass Nazis in allen Parlamenten sitzen und gesellschaftskonform sind. Ihr Kern ist rassistisches und antisemitisches Denken. Dafür werden sie gewählt.

Ihre Politik bedeutet die Abwertung der Identitäten ihnen fremder Menschen. Zum Beispiel meine Identität und die vieler anderer Postmigrant*innen.

Dem möchte ich unser Selbstverständnis als Postmigrant*innen entgegensetzen. Emanzipation kann nur stattfinden, wenn Du ein Opfer struktureller Benachteiligungen bist.

 

I have a dream

 

 

Wir Postmigrant*innen

Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind. […] und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt.

– Hannah Arendt, in: Wir Flüchtlinge

Wir wissen, wie es ist, ständig gefragt zu werden woher wir kommen und uns zu rechtfertigen.
Wir werden in Schubladen gepackt, aus denen wir uns schwer befreien können. Auch weil wir selbst uns dafür Steine in den Weg legen, die uns von anderen zur Verfügung gestellt wurden.
Wir haben keine private Welt, weshalb wir uns den gegebenen Zuständen anpassen müssen.

Wir sind Meister*innen der Anpassung, Aufklärung und Erklärung.
Wir sind etwas Besonderes, wenn wir etwas besser können als die Menschen, die aussehen wie wir.
Wir sind Bürger*innen einer freiheitlich demokratischen Republik.
Diese Tatsache müssen wir uns vor Augen führen, damit sie in unser Bewusstsein eindringt.
Wir sind Menschen, die für diese Grundordnung so viel oder so wenig leisten, wie alle anderen.
Wir müssen nicht erklären woher wir kommen.
Wir müssen auch nicht erklären woher wir wirklich kommen oder unsere Eltern.
Wenn unsere Mitmenschen wissen wollen, woher unsere Eltern kommen, können sie unsere Eltern fragen. Denn (viele) unserer Eltern und Großeltern sind auch Staatsbürger*innen dieses Landes.
Genauso, wie wir das Recht haben die Aussage zu verweigern, haben wir das Recht auszusagen und das Gespräch zu führen. Es ist keine Schande dem eigenen Ursprung eine Geschichte zu geben.
Wir können dafür sorgen, dass sich auch die anderen rechtfertigen müssen.
Unseren Sinn und Zweck bestimmen wir selbst. Dieses Selbstverständnis muss Einzug in unser postmigrantisches Denken finden. Ansonsten verharren wir in der Funktion der Vermittler*innen und befreien uns nicht davon. Was hat es mit dieser Funktion auf sich?
Wir vermitteln zwischen den Kulturen und Sprachen.
Wir sind Schlüsselpersonen im gesellschaftlichen Zusammenleben und klären auf.
Wir haben die Pflicht für unsere Eltern zu dolmetschen. Ämterdeutsch ist eine eigene Sprache.
Wir sind es unseren Vorfahren schuldig, mehr aus uns zu machen. Leistung zu erbringen wird von Tag eins erwartet und eingefordert.
Wir werden gesellschaftlich bewusst unterfordert. Gesellschaftliche Barrieren stehe uns im Weg und viele von uns geben sich auf, bevor sie begonnen haben.

Kein Mensch in meiner Familie konnte mir erklären, wie die Immatrikulation funktioniert. Kein Mensch aus meiner Familie weiß, was eine Promotion ist. Es fängt im Kleinen an und setzt sich wie ein Zirkel ewig fort. Um diesen Zirkel aufzubrechen, müssten wir Widerstände überwinden, die von Menschen gemacht werden.

Wir sind das optimale Feindbild.
Wir streben nach mehr und sind allein wegen unserer Identität angreifbar.
Wir
sind uns uneins und viele von uns sind sich ihrer Identität nicht bewusst.

 

Postmigrant*innen und Rechte

Wir haben die gleichen Rechte und wir haben die gleichen Pflichten. Und ein bisschen mehr.
Wir dürfen uns diese nicht einfach rauben lassen. Nicht kampflos.
Und mit Kampf meine ich in den Streit und auf die Straße zu gehen. Dieses Gefühl, dass ich als Mensch das Recht habe mich zu artikulieren, entsteht erst, wenn ich mich meiner Stimme bediene.
Es wurden schon Menschen von Neonazis ermordet, weil sie anders aussehen. Es wurden schon Menschen ermordet, weil sie anders aussehende Menschen in Schutz genommen haben. Es wurden Menschen von Neonazis ermordet, weil sie sich ihrer Stimme bedient haben. Dies konnten sie aber nur tun, weil die Zivilgesellschaft und Beamte weggeschaut haben. Weil es nicht von Interesse war.
Dieses Desinteresse entstand aber auch, weil wir als (potenzielle) Opfergruppen nicht artikuliert haben, dass wir Opfer sind und wir Gerechtigkeit einfordern.
Im Gegensatz zu der Mehrheit in der Generation unserer Eltern sind wir Postmigrant*innen in einer deutschen Wertegemeinschaft aufgewachsen und sind aus dieser nicht geflüchtet.
Wir wissen, dass wir eine demokratische Verantwortung für dieses Land haben und wir wissen, dass wir härter arbeiten müssen als Menschen, die einen für Andere offensichtlich deutschen Namen tragen.
Wir müssen ehrgeiziger und zielstrebiger werden und aufhören uns kleinzumachen. Demokratie lebt vom Streit zwischen Demokrat*innen und wir können den Anstoß geben.
Durch den Streit binden wir uns an die Demokratie und die Demokratie an uns. Damit binden wir Institutionen an uns.
Wir sind unzufrieden mit unserer jetzigen Situation und befinden uns in einer politischen Schizophrenie.
Wir stehen ambivalent zum jetzigen Herrschaftssystem.
Wir als Postmigrant*innen müssen für etwas kämpfen.
Wir müssen uns eine neue Wertegemeinschaft schaffen. Ohne Nazis.
Postmigrant*innen, wir müssen beginnen zu handeln. Das Handeln ist der beste Umgang mit Stress. Wir müssen jede Stimme für Nazis als eine Stimme gegen uns und unsere Identität werten. Wir benötigen Solidarität und müssen diese einfordern.
Es wird Zeit für mehr von uns. Bringen wir uns ein.

 

Bild: Rasande Tyskar CC