Reflektionen zum Ramadan

Eine ganz besondere Zeit im Jahr für Muslim_innen auf der ganzen Welt ist soeben zu Ende gegangen: Ramadan. Während dieses Monats sollen Muslim_innen von Sonnenauf- bis -untergang nicht essen, trinken, Sex haben oder rauchen.

 

Ich habe dieses Jahr darüber nachgedacht, dass mein Glauben stark durch meinen Vater und das Land, in dem er geboren und aufgewachsen ist, geprägt wurde. Doch mein Glaube ist doch anders, als der meiner Eltern und ist Teil einer Identität zwischen und außerhalb von Nationen.

Ich bin in einem kleinen Dorf an der niederländischen Grenze aufgewachsen. In diesem Dorf waren wir eine der wenigen zugezogenen Familien und die einzige muslimische.

Der formelle Teil meiner religiösen Erziehung und Bildung war der evangelische Religionsunterricht in der Schule. Von dem war ich zwar befreit; ich musste ihm jedoch aus betreuungstechnischen Gründen trotzdem beisitzen.

 

Dass wir muslimisch und gläubig waren, stand für meine religiösen praktizierenden Eltern nie zur Debatte. Während meine Mutter zum Islam konvertiert war und sich nicht sicher genug in religiösen Fragen fühlte, übernahm mein Vater, der in Indonesien muslimisch erzogen worden war, so gut es ging die religiöse Erziehung meines Bruders und mir. Das fehlende Angebot an Koranschulen versuchte mein Vater mit aus Indonesien importierten Lernbüchern zu kompensieren. An das Gebet führte er uns heran, indem er das Abendgebet Maghrib mit immer den gleichen Versen vorbetete. Und am Essenstisch erklärte er uns seine Interpretationen des Korans, sein Verständnis der Gebote und Werte.

 

In diesen Narrativen und unserem Verständnis war Islam unbewusst immer stark mit Indonesien verbunden und Indonesien mit Islam. Wir trugen indonesische Gebetskleidung, an den muslimischen Feiertagen, die indonesische Namen trugen, gab es indonesisches Essen und wir fuhren zu indonesischen Bekannten. Wörter wie „beten“ oder „fasten“ wurden immer auf Indonesisch gesagt, auch wenn wir zu Hause eigentlich fast nur Deutsch sprachen.

 

Es war jedoch in vielerlei Hinsicht eine ziemlich isolierte Glaubenspraxis. Zeitlich isoliert, weil der Islam, den mein Vater uns vermittelte, der Islam aus Indonesien in den 70er Jahren war- die Zeit, als er dort lebte, bevor er nach Deutschland kam. Gleichzeitig veränderte sich die Praxis dort. Sozial waren wir sowieso isoliert. Jedes Jahr musste ich meinen weißennichtmuslimischen Mitschüler_innen aufs Neue erklären, was es mit Ramadan auf sich hat. Genauso waren wir aber auch von anderen Muslim_innen abgeschnitten. Die indonesischen Bekannten meiner Eltern wohnten weit weg und sie sahen wir, wenn überhaupt, nur zu Eid, dem Fest nach Ramadan. Zu anderen Moscheegemeinden bauten meine Eltern nie Kontakt auf, zum einen aus sprachlichen Gründen, zum anderen vertraten sie teilweise nicht die gleichen Werte.

 

Mein Vater gab sein Bestes, um uns den Islam näherzubringen. Trotzdem war er natürlich kein ausgebildeter Lehrer und er hatte, wie wahrscheinlich viele andere Migrant_innen of color oft andere Sorgen. So ließen wir es irgendwann schleifen. Meinem Bruder und mir war das ganz recht: Mehr Freizeit!

 

Ramadan

 

Als ich von zu Hause auszog, verlor religiöse Praxis und Glaube immer mehr an Bedeutung. Islam und muslimisch-Sein ist Teil meiner Identität, erkläre ich immer wieder Leuten. Aber ich bin nicht besonders religiös. Trotzdem bedeutet mir die Religion etwas.

Dies macht sich besonders im Ramadan bemerkbar, wenn ich die Säule des Islams ernst nehme und faste. Statt zu essen und zu trinken rolle ich sogar meinen sonst unbenutzt im Schrank liegenden Gebetsteppich fünf Mal täglich aus. Oder versuche es zumindest.

In dieser Zeit nehme ich mir vor, bewusster zu leben und zu handeln und verbringe viel Zeit mit Lesen und Reflektieren. In der Härte und Herausforderung des Fastens entdecke ich jedes Jahr die Stärke meines Geistes und Willens.

Zudem mache ich mir bewusst, dass Muslim_innen auf der ganzen Welt fasten. Auf Reisen in den letzten Jahren habe ich unterschiedliche Glaubenspraxen kennengelernt. Wie Islam gelebt wird, ist mehr als das, womit ich aufgewachsen bin und auch mehr als das, was man in Deutschland vermeintlich kennt.

 

Ich fühle mich als Muslimin immernoch oft isoliert. Ich gehöre nirgendwo so richtig hin oder ich habe einfach noch nicht meine Community gefunden. Aber ich kann die Widersprüche und das Mosaik, das sich so ergibt, auch genießen. Zum Beispiel bete ich auf einem Gebetsteppich, den ich im Senegal geschenkt bekommen habe. Meine Gebetskleidung ist nach wie vor indonesisch. Allerdings habe ich sie nicht von meinem Vater, sondern ich habe ich sie selbst von einer Reise mitgebracht. Und für Iftar verabrede ich mich auch gerne mit meinen atheistischen weißen deutschen Freund_innen zum Pizzaessen. Vor allem ist mein Glaube aber etwas, was ich mit mir selbst ausmache, der sich verändert und weiterentwickelt. Dafür brauche ich keine Nationen.

 

BildJoselu Blanco CC