Ich bin hier, weil jemand vor mir war

Die Autorin spricht über die Geschichte ihrer Familie, über die Bedeutung von kollektivem Gedächtnis und kollektivem Trauma – und es wird deutlich: Die Migration, die Erinnerungen, die Kämpfe und Wege ihrer Eltern trägt auch sie mit.

 

Familienportrait der Autorin (1992)

 

Beitrag von Antonia Skiba

 

Von meinen Eltern lernte ich sehr früh, welche Bedeutung kollektives Gedächtnis, kollektives Trauma hat. Sie erzählen mir Geschichten über unsere Familie, über alle Länder, die durchquert wurden. Keine Generation blieb seit ihrem Leben in ein und demselben Land. Flucht, Migration, Krieg, Hunger, Angst – Angst verkroch sich tief in mir, verschmolz mit meiner Identität, entblößte sich in

Geschichten,

denen ich nur in meiner Vorstellung zuteilwurde,

Geschichten, so real, dass ich mich selbst in ihnen verlor,

Orte, an denen ich nie gewesen,

Worte, die ich nie gesagt,

Tränen, die ich nie geweint –

Und doch höre ich all diese Stimmen, alle Schreie, alle Gespräche, jedes Lachen, spüre jeden Verlust, jede Umarmung, jede Enttäuschung, jede Hand, jede Wut, jede Angst, jede Verzweiflung, jede Kälte, jeden Sommer, jeden Kuss, jeden Schritt, sehe jedes Kind, jedes Haus, Felder, Städte, Türen, Treppen, Steine, Mauern. Ich fühle jede einzelne Schuld.

In mir sammeln sich Erinnerungen, die nicht meine sind, Kämpfe, die ich nicht austrug, Wege, die ich nicht hinter mir ließ, Orte, die ich nie verließ.

Und doch spüre ich sie alle auf einmal. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, ich spüre alles auf einmal. Ich bin das Produkt aller Entfernungen, allen Entbehrens.

Ich bin hier, weil jemand vor mir war.

Orte, die ich nie verließ.

Orte, an die ich zurückkehren werde.

 

 

 

Bild: privat

Redaktion YMB

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