Seebrücke will Seenotrettung überflüssig machen

Im Namen der SEEBRÜCKE sind seit Juli 120.000 Menschen für “sichere Häfen” auf die Straße gegangen. Sie fordern ein Ende der Abschottungspolitik in Europa und sichere Fluchtwege. Der Young Migrants Blog spricht mit einer Initiatorin und einer Pressesprecherin der Seebrücke.

 

Liza, als Mit-Initiatorin warst du von Anfang an dabei. Kannst du davon erzählen, wie die Seebrücke Bewegung entstanden ist?

Liza: Als die Lifeline, ein ziviles Seenotrettungsschiff, in keinen europäischen Hafen einlaufen durften, war für viele Menschen glaube ich ein Punkt erreicht, wo man einfach nicht mehr tatenlos zuschauen konnte. Und in diesem Kontext haben wir uns in einer Telegram-Gruppe zusammengetan und überlegt, wie eine zivilgesellschaftliche Antwort aussehen könnte. Daraus resultierte dann die Entscheidung die Seebrücke zu gründen.

Maura, als Pressesprecherin wirst du sicher oft gefragt, was eure Forderungen sind. Was sind die Ziele der Seebrücke?

Maura: Wir fordern einen Paradigmenwechsel der europäischen Migrationspolitik im Sinne des Slogans „Weg von Abschottung, hin zu Bewegungsfreiheit“. Dazu gehört die Schaffung von sicheren Fluchtwegen und ein solidarischer Umgang unter allen europäischen Ländern, also ein Ende der Dublin Regelung. So lange aber keine europäische Lösung gefunden wird, müssen die Städte aktiv werden. Wir fordern daher auch gemeinsam mit der “Solidarity City” Bewegung, dass sich einzelne Städte eigenmächtig zum “sicheren Hafen” erklären und die Aufnahme der Geflüchteten bei ihnen ermöglichen. Und solange das alles nicht gegeben ist, brauchen wir die sofortige Wiedereinsetzung der zivilen Seenotrettung. Mir ist wichtig zu betonen, dass die zivile Seenotrettung nicht unser grundsätzliches Ziel ist. Unser Ziel ist es, dass sie gar nicht mehr nötig ist.

Seebrücke Build Bridges Not Walls
Build Bridges Not Walls

Und wie steht ihr zu den Vorwürfen, die Seenotrettung unterstütze die Schlepperei?

Liza: Uns ist wichtig zu betonen, dass erst die Abschottungspolitik Europas und das Nicht-Bestehen von sicheren Fluchtwegen nach Europa dazu führen, dass es überhaupt das Geschäft der Schlepper gibt und Seenotrettung notwendig ist. Die Lösung sehen wir in der Schaffung von sicheren Fluchtwegen.

Welche Reaktionen habt ihr denn bisher auf eure Bewegung bekommen?

Maura: Tatsächlich sehr viele und sehr positive Reaktionen. Es sind insgesamt über 120.000 Menschen in über 140 Städten im Namen der Seebrücke auf die Straße gegangen und mittlerweile gibt es auch erste Ansätze der europäischen Vernetzung. Zum Beispiel gab es Demonstrationen in Warschau, Brüssel, Paris und Zürich. Ich bin jetzt seit Jahren antirassistisch politisch aktiv und die Seebrücke ist in all diesen Jahren die erste große Bewegung, die so eine große Resonanz in der breiten Bevölkerung findet.

Was denkt ihr, warum sich so viele Menschen eurer Bewegung anschließen?

Maura:  Die Seebrücke entstand ja nicht in einem luftleeren Raum, sondern zu einer Zeit in der sich auch bei einer großen, bis dahin vielleicht schweigenden und noch nicht aktiven Mehrheit über die letzten Jahre Frustration, Wut und Unzufriedenheit in Bezug auf die Migrationspolitik angestaut hat.

Liza: Es war eben kein Vakuum, sondern eine gesellschaftliche Stimmung, in der es für viele um die Frage ging: In was für einer Gesellschaft will ich leben? Und diese Frage entscheidet sich gerade auch sehr stark an der Migrationsfrage.

Maura: Der Grund dafür, dass sich viele Leute anschließen, die bisher noch nicht aktiv waren, liegt auch darin, dass von rechts nochmal Grenzen überschritten wurden. Es geht mittlerweile darum, dass Menschen auf dem Mittelmeer ertrinken gelassen werden beziehungsweise, dass dieses  Ertrinken aktiv unterstützt wird.

Wie seid ihr mit anderen antirassistischen Aktivist*innen vernetzt?

Maura: Wir sind sehr gut vernetzt und stehen in einem solidarischen Verhältnis zu anderen antirassistischen Aktivist*innen, weil wir im Grunde aus der gleichen Grundmotivation für das gleiche Ziel kämpfen. Zum Beispiel haben wir ein sehr enges Verhältnis zu We’ll Come United, ein Bündnis aus Organisationen die eher aus dem migrantisch-selbstorganisierten Spektrum kommen. Bei der We’ll Come United-Parade sind 30.000 Menschen gekommen und wir hatten auch unseren eigenen Wagen.

Liza: Und bei der #unteilbar-Demonstration am 13.10. in Berlin werden wir auch mit einem orangen Block dabei sein. Und das ist genau das, was gerade passieren muss. Dass sich die verschiedenen Bewegungen und Bündnisse zusammenschließen und damit auch verschiedenen Zielgruppen erreichen.

Seebrücke Die Seebrücke bei der We'll Come United Parade in Hamburg am 29.9.2018
Die Seebrücke bei der We’ll Come United Parade in Hamburg am 29.9.2018

Welche Aktionen führt ihr als Seebrücke durch?

Liza: Unter dem Label der Seebrücke wurden schon sehr unterschiedliche Aktionen durchgeführt: von Massendemonstrationen über Blockaden von Brücken, Flashmobs und Online-Kampagnen bis hinzu Menschenketten. Ich denke eine der Stärken der Seebrücke liegt darin, dass die Leute an verschiedenen Orten unabhängig voneinander ihre eigenen Aktionen starten können.

Maura: Und dementsprechend ist das Spektrum der Aktionen eben sehr breit. Einige mobilisieren auch viel über Materialien, da unser Wiedererkennungszeichen die Farbe Orange ist.

Orange in Anlehnung an Rettungswesten?

Liza: Genau, als Bezug zur Seenotrettung. Wir haben uns aber auch von der feministischen Bewegung „Ni Una Menos“ inspirieren lassen, bei der die Anhängerinnen alle ein grünes Dreieckstuch getragen haben. Wir von der Seebrücke haben uns für die Farbe Orange entschieden und tragen orangene Tücher.

Maura: Das orangene Tuch zu tragen oder sich an den Rucksack zu knoten ist eben eine sehr niedrigschwellige Form sich mit der Seebrücke zu solidarisieren und mitzumachen.

Seebrücke Rettungswesten auf einer Seebrücke-Demo
Rettungswesten auf einer Seebrücke-Demo

Apropos mitmachen, wie kann man bei der Seebrücke aktiv werden?

Liza: Mitmachen kann grundsätzlich jede Person. Man kann sich an bestehende Gruppen anschließen oder eine eigene Gruppe gründen. Außerdem gibt es auf unserer Homepage das Action-Kit, wo alles Mögliche runtergeladen werden kann, wie zum Beispiel das Logo oder eine Anleitung wie man eine Demonstration anmeldet.

Maura: Das Stichwort der Seebrücke ist im Grunde Eigeninitiative. Wenn du eine Idee hast, mach es! Wichtig ist nur, dass du die Grundpositionen und Forderungen der Seebrücke teilst.

Abschließend noch die Frage: Was ist eure Vision für die Zukunft?

Liza: Ich denke wir müssen anfangen Migration als etwas Positives zu sehen. Wir müssen endlich aufhören so zu tun, als gäbe es Migration erst seit 2015. Migration gibt es eben schon immer und sie ist wesentlicher Bestandteil einer jeden Gesellschaft.

Maura: Deutschland ist eine Migrationsgesellschaft und deshalb sollten wir uns jetzt Gedanken machen, wie wir damit auf eine sinnvolle Art und Weise umgehen wollen.

 

Wenn du dich der Seebrücke anschließen möchtest und selber aktiv werden willst, schreib einfach eine E-Mail an join@seebrücke.org!

 

Bilder: © privat