„We are not waiting for the Revolution: Feminist struggles at times of crisis – Syria, Turkey, Egypt, Iran“

Unsere Autorin Bahar berichtet über ihre Eindrücke von einem Workshop an der HU Berlin, der die Kraft transnationaler Kämpfe von Frauen aus Syrien, der Türkei, Ägypten und dem Iran spürbar werden ließ.

Grafffiti from Tarhir Place 2011 showing the face of a woman
Unbelievable! Tahrir Square 2011

Transnationalisierung im Allgemeinen beschreibt eine Verflechtung sozialer Interaktionen und Handlungsstränge, die sich über nationalstaatliche Grenzen hinaus formieren. Sie haben ihren Ursprung in Nationalstaaten, gehen jedoch über diese hinaus und sind trotzdem stets von Erfahrungen innerhalb nationalstaatlicher Grenzen geprägt. Die Transnationalisierung der sozialen Welt bedeutet die Entstehung sozialer Räume, die sich „tendenziell stärker als mehrdimensionale und plurilokale Prozesse auf unterschiedlichen geographischen Ebenen“ verstehen. [1]

Als ich das Erste mal in meinem Seminar über Theorien der Migrationsforschung mit dem Konzept der Transnationalisierung der sozialen Welt in Berührung kam, musste ich daran denken, wie transnational mein eigenes Leben, sowie das meiner Freund*Innen in Berlin ist: Ich treffe tagtäglich Menschen, deren Erfahrungen innerhalb anderer nationalstaatlicher Räume den Grund dafür darstellen, weshalb wir hier in Berlin aufeinander treffen. Häufig schaffen wir gemeinsam etwas, das geprägt von unseren jeweiligen vergangenen Erfahrungen, in einer neuen geteilten Lokalität zeitgleich neu und dennoch altbekannt ist.

Genau das war auch die Organisation der Veranstaltung „We are not waiting for the Revolution: Feminist struggles at times of crisis – Syria, Turkey, Egypt, Iran”, sowie die Veranstaltung selbst. Eine Gruppe von Feminist*Innen mit unterschiedlichen Hintergründen hat sich auf verschiedenen Wegen in Berlin zusammengefunden, um über gemeinsame Erfahrungen als Aktivist*Innen und/oder Migrant*Innen zu diskutieren. Ich war eine von ihnen. Dabei haben wir festgestellt, dass feministische Kämpfe seit dem Jahr 2011 mit den Revolutionen in mehreren arabischen Ländern, den darauf folgenden Protesten in der Türkei und Akten des zivilen Ungehorsams in Iran in diesen Ländern Geschichte geschrieben haben. An die Stimmen und Forderungen dieser Bewegungen wird jedoch in der breiten Öffentlichkeit, insbesondere hier in Deutschland, selten erinnert.

Wir beschlossen, dass es höchste sei, dies zu ändern. Welche Kämpfe wurden seit 2011 gekämpft? Was bleibt von diesen Kämpfen noch übrig und wie können wir uns mögliche Allianzen auf der Basis kollektiver Erfahrungen vorstellen? Das waren Fragen, auf die wir Antworten haben wollten. Gemeinsam mit der Humboldt Universität, der Alice Salomon Hochschule und der Organisation Adopt a Revolution schafften wir es, für den 23. Juni 2018 eine Konferenz zu organisieren, in deren Rahmen wir unsere Fragen mit einem breiteren, interessierten Publikum diskutieren wollten.

Im ersten Teil der Veranstaltung haben Feminist*Innen aus dem Iran, Ägypten, der Türkei und Syrien Vorträge über die Geschichte und die Gegenwart feministischer Kämpfe in den jeweiligen Ländern gehalten. Im zweiten Teil hatten alle die Möglichkeit, in kleinen Gruppen über ihre Erfahrungen auf einer persönlicheren Ebene zu sprechen.

Die Gruppen sollten jeweils thematische Fokuspunkte behandeln. Ich war in der Gruppe, die das Thema der sexuellen Gewalt als Schwerpunkt hatte. Das Thema gab den Anstoß dazu, dass viele Frauen über ihre eigenen persönlichen Erfahrungen mit sexueller Gewalt und sexuellem Missbrauch gesprochen haben. Wir konnten darüber sprechen, dass sich Muster sexueller Gewalt über nationalstaatliche Grenzen hinweg erkennen lassen. Dass die Erfahrungsorte häufig unterschiedlich sind, die Erfahrungen jedoch in vielen Situationen einander ähneln. Es wurde außerdem darüber gesprochen, dass das Kulturalisieren sexueller Gewalt, das Zuschreiben ihres Aufkommens bestimmten „Kulturkreisen“ oder dem Islam viel zu häufig davon ablenken, wie sexualisierte Gewalt auch hier von der weißen Mehrheitsgesellschaft ausgehen kann.

Wir haben festgestellt, wie viel wir gemeinsam haben und was uns vereint.

Wir alle leiden unter einem patriarchalen System, das uns unser Selbstbild, unseren Umgang mit unserem Körper, sowie die Art und Weise, wie andere uns wahrzunehmen haben, aufzwingt. Viele von uns haben aus diesem Grund ihre Heimatländer verlassen müssen und werden hier im „Westen“ nicht allzu selten mit ähnlichen repressiven Strukturen  konfrontiert.

„Wer are not waiting for the Revolution“ war ein erster Versuch, einen wahrhaftig transnationalen Raum zu schaffen, in dem wir unsere migrantischen Erfahrungen miteinander teilen und voneinander lernen konnten: Wir haben darüber gesprochen, dass unsere Anwesenheit die Gegenwart und Zukunft dieser Gesellschaft prägt. Wir haben festgestellt, dass wir uns miteinander verbinden müssen, um solidarisch, frei von kulturrassistischen Ressentiments, unsere feministischen Kämpfe, die in unterschiedlich Lokalitäten ihren Ursprung gehabt haben mögen, in einer geteilten Lokalität und darüber hinaus weiterzuführen. Diesem ersten Versuch sollen Weitere folgen.[2]

 

[1] Quelle: Pries, Ludger (2002): Transnationalisierung der sozialen Welt? In: Berliner Journal für Soziologie 12 (2), S. 263–272, hier S. 270.

[2] Es ist eine Emailliste entstanden, auf die sich diejenigen eingetragen haben, die an weiteren Treffen interessiert sind und Lust haben miteinander in Kontakt zu bleiben. Falls ihr Lust habt dazu zu stoßen, schreibt mir eine Email unter b.oghalai92@gmail.com und ich füge euch dieser Emailliste hinzu.

 

Bild: Urban Isthmus CC

 

Bahar Oghalai