Warten auf Freiheit

Adil Demirci ist ein ausgeprochen geselliger Mensch. Adil kommt aus Köln, er ist Journalist. Jetzt sitzt Adil in der Türkei im Gefängnis. Es gibt keinen Autokorso für Adil. Aber Adil ist mein Freund. Free Adil.

Plakat Freiheit für Adil Demirci
Free Adil

Adil ist ein sehr organisierter Mensch und auch ein ausgesprochen geselliger. Er reist gerne und oft versucht er so viele Freunde wie möglich mit auf Reise zu nehmen. Erfolgreich darin, uns zu überzeugen, ist er allemal. So war es auch diesmal. Er hatte eine Reise nach London und anschließend nach Dublin geplant und uns alle überredet mitzukommen. So kauften wir, acht Personen, unsere Tickets ganz Adil-üblich schon Monate im Voraus.

Es verging einige Zeit. Wir hatten lange nicht mehr über die Reise gesprochen, als mich eines Nachts plötzlich ein seltsamer Traum überkam. Ich träumte, dass am Flughafen Chaos ausbricht, wir unsere Flüge nicht mehr erwischen und in diesem ganzen Durcheinander jemand aus der Gruppe ausbricht und in der Dunkelheit verschwindet. Aus dem Schlaf gerissen, versuchte ich mich an das Antlitz der Person zu erinnern, konnte mich aber nur noch einer groben Silhouette entsinnen. Ich sah mein Handy aufleuchten und rief die Nachricht auf. Es war ein Foto von Adil mit dem Zusatz, dass man seine Freilassung  fordere. Es war einer dieser Momente, in denen man zwischen Realität und dem Unglauben an das gerade Geschehene in Sekundenschnelle hin- und hergeworfen wird. Ich richtete mich auf und registrierte nun, dass die Realität mich wie ein Stein in meine Magengrube traf. Adil wurde festgenommen. In der Nacht zum 13. April 2018 hatten Spezialkräfte der türkischen Polizei die Wohnung seines Onkels in Istanbul gestürmt und Adil mitgenommen.

Adil Demirci lebt mit seiner Familie in Köln und arbeitet als Sozialwissenschaftler in Remscheid. Ehrenamtlich ist er als Journalist tätig. Er begleitete seine krebskranke Mutter mit nach Istanbul, um ihr den Wunsch eines Wiedersehens mit der Familie zu ermöglichen. Die politische Situation in der Türkei gestaltet sich nach dem gescheiterten Militärputsch im Juli 2016 und dem im Anschluss  kontinuierlich durch die AKP-Regierung verlängerten Ausnahmezustand in höchstem Maße repressiv. Oppositionelle Stimmen werden zu Tausenden arretiert, ihrem Dienste enthoben und öffentlich kriminalisiert. Diktatorische Zustände bestimmen das politische Klima, das jegliche Ambitionen eines Kampfes um ein lebenswertes Land unverzüglich im Keime zu ersticken versucht. Die Präsidentschaftswahlen und Parlamentswahlen, die zugunsten von Erdogan und dem AKP-Regime ausgefallen sind, verheißen nur eine weitere Zuspitzung dieser Lage.

Entschlossen den Wunsch seiner Mutter zu erfüllen, teilte uns Adil sein Vorhaben mit, in die Türkei zu reisen. Augenblicklich überkam uns alle im Angesicht der politischen Situation die Sorge, dass ihm etwas zustoßen könne. Seine Entscheidung respektierten wir dennoch und versuchten, die realen Gefahren zwar vor Augen führend, ihn jedoch nicht weiter zu verunsichern. Insgeheim sträubten wir uns alle gegen jegliche Rationalität. Wenn es um die eigene Mutter geht und der emotionale Zenit erreicht ist, wird diese bekanntermaßen außer Kraft gesetzt. Dieser Reflex kann mit einem Wort beschrieben werden: menschlich. Menschlich ist auch der Ausdruck, mit welchem ich Adil in einem Wort beschreiben würde. Stets war Adil da, wenn es darum ging, sich zu solidarisieren oder wenn Hilfe benötigt wurde. Unsere Freundschaft verstetigte sich auf Demonstrationen und Solidaritätsaktionen.

Diese Menschlichkeit ist auch der Antrieb für den von ihm ungebrochen geleisteten politischen Kampf für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Diesen Kampf führte er auch und vor allem dann intensiviert fort, als am 20. Juli 2015 ein islamistischer Sprengstoffattentäter sich inmitten von jungen Aktivist*innen in der türkischen Stadt Suruç in die Luft sprengte und 33 von ihnen mit in den Tod riss. Diese hatten Spielzeuge und Gegenstände des täglichen Gebrauchs für die Kinder und Menschen in Kobanê gesammelt und wollten sie ihnen übergeben. Viele von ihnen kannte Adil persönlich und war freundschaftlich mit ihnen verbunden. Er setzte sich für das Gedenken an sie ein und bemühte sich sehr um die Schaffung von Öffentlichkeit zur Aufklärung des Massakers.

Kaum über diesen immensen Verlust hinweg, detonierten am 10. Oktober 2015 erneut zwei Bomben von Selbstmordattentätern inmitten von Tausenden Menschen, welche an einer Friedensdemonstration in der Hauptstadt Ankara teilgenommen hatten. 107 Menschen fielen diesem bis dato blutigsten Terroranschlag der türkischen Geschichte zum Opfer und über 500 wurden zum Teil schwer verletzt. Auch Adil befand sich auf der Friedensdemonstration und entkam dem Massaker nur sehr knapp.  Dieser Anschlag auf oppositionelle linke Kräfte zieht sich wie eine tiefe Wunde durch unser aller Gedächtnis, er macht uns unfähig, das Geschehene zu verarbeiten.

Adil erzählte mir von seinen Erlebnissen an jenem Tag und kurze Zeit später – wir hatten das Thema gewechselt – lachte er laut über eine lustige Anekdote. Ich war immer noch betroffen von dem Erzählten und fragte mich währenddessen: Wie kann jemand, der mit ansehen musste, wie Menschen von Bomben zerrissen wurden, immer noch die Kraft fürs Lachen aufbringen? Wahrscheinlich ist dieses Lachen das Charakteristischste an Adil und ich hoffe sehr, dass auch der Aufenthalt im Hochsicherheitsgefängnis von Silivri es nicht zustande bringen wird, ihm dieses zu entreißen.

Wir wissen nicht, wie lange Adil noch in Haft bleiben muss, zumal die von der türkischen Regierung angeführten Vorwürfe der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung schwer wiegen. Die Möglichkeit ihn zu besuchen ist unter den gegebenen politischen Umständen schwierig.  Daher ist es von enormer Bedeutung, Öffentlichkeit zu erzeugen und über seine Situation zu informieren. Jeden Mittwoch findet dazu auf dem Wallraffplatz in Köln, organisiert von dem Solidaritätskomitee Adil Demirci, eine Mahnwache für Adil statt und eine Petition für seine Freilassung wurde ins Leben gerufen.

Des Weiteren können wir Adil Briefe schreiben, um seine Abschottung von der Außenwelt zu durchbrechen und ihm unterstützend zur Seite zu stehen. Jeder Brief trägt einen großen Teil dazu bei, seine Isolation aufzubrechen und schenkt ihm Kraft für die weitere Bewältigung dieser Situation.

Schreiben könnt ihr an: Adil Demirci, Silivri Kapalı Ceza Infaz Kurumu, 9 Numaralı, Silivri Istanbul, Türkei

Ich habe die Reise nicht angetreten und werde dies erst dann tun, wenn Adil wieder in Freiheit ist und wir sie gemeinsam bestreiten können.

Efsun

 

Bild: privat

Redaktion YMB

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