Die Stimme

Sobald man auf diese Welt kommt, wächst man mit vielen Erwartungen auf – sowohl von uns selber, als auch von anderen Menschen an uns. In unterschiedlichen Kontexten entstehen unterschiedliche Erwartungen. Diese können fatale Konsequenzen mit sich bringen. Und darüber spricht man kaum.

 

 

Those voices
I hear those voices that will not be drowned

 

 

Ansprüche und Stereotypen…

 

Ich identifiziere mich als Frau, und in Deutschland (und fast überall auf der Welt) als Migrantin. Früher, als ich noch in der Heimat lebte, musste ich mit anderen Erwartungen umgehen. „Mädchen sind zielstrebiger als Jungs“, „Mädchen sind intelligenter“, „Mädchen sind gut in der Schule“. Natürlich haben diese Aussagen einen positiven Ton, nichtsdestotrotz sind sie normativ. Das bedeutet, dass man sich dementsprechend verhalten muss und ab einem bestimmten Alter werden sie zu Ansprüchen und Lebenszielen.

Später als ich nach Deutschland kam, wurde ich mit Erwartungen unterschiedlicher Art konfrontiert. Diese kann man auch Stereotypen nennen, dennoch sind sie Erwartungen. Erwartungen, dass man als Migrant*in nie gut genug sein kann, sodass die kleinsten Erfolge des Alltags durch andere gefeiert werden, weil sie unüblich sind für eine*n Migrant*in und vor allem, weil sie diesen Erwartungen widersprechen

 

Entsprechen vs. Widersprechen…

 

Erwartungen, positiv oder negativ, Ansprüche oder Stereotypen, haben mein Leben geprägt. Früher war meine Aufgabe, Erwartungen zu entsprechen. Jetzt beschäftige ich mich jeden Tag damit, Erwartungen zu widersprechen. Entsprechen und Widersprechen sind nun Befehle von dieser Stimme geworden, die mich davon abhält, aufzuhören.
Heutzutage begleitet mich diese Stimme durch den Alltag. Sie trägt viel dazu bei, in der Intersektion von gender und race hängen zu bleiben, sich zu überbeanspruchen, und sich von dem, was man so gerne machen möchte, abzuhalten. In den tiefsten Momenten, wo man eine Pause verdient hat, flüstert sie: „Du bist eine starke Frau, und starke Frauen geben nicht auf“.
Dieser schädlichen Stimme muss man antworten können und sie auf Leise stellen können.
Schwache Momente zu haben, bedeutet nicht aufzugeben. Es ist in Ordnung, Erwartungen nicht zu entsprechen bzw. nicht zu widersprechen. Es ist nicht nötig, sich vor Strukturen, zu beweisen, die eine*n systematisch abwerten.

 

Embrace your weaknesses!

Bild:Martin Pettitt CC

 

Oumaima Laaraki