Konsequenz

Unsere Autorin Cansev widmet ihren Text Mevlüde Genç, der Mutter, Großmutter und Tante von Gürsün İnce (27), Hatice Genç (18), Gülüstan Öztürk (12), Hülya Genç (9) und Saime Genç (4), die 1993 bei dem rassistischen Brandanschlag von Solingen ermordet wurden.

 

Mevlüde Genç sprach vergangene Woche am 25. Jahrestages des Anschlags im Düsseldorfer Landtag. Dort sagte sie u.a.: „In der Nacht habe ich geweint. Aber am Tag habe ich meinen überlebenden Kindern ins Gesicht lächeln müssen, um dafür zu sorgen, dass der Hass nicht Eingang findet in ihre Herzen.“

 

Konsequenz - ein Beitrag zum Brandanschlag von Solingen
Nur die flammende Muse hält dem ganzen Grauen stand.

 

 

Nacht für Nacht, in Totenstille lausche ich ihnen ehrfürchtig, den Stimmen vergangener Generationen, die aus blindem Zorn heraus vergeblich nach Sühne schreien.

Hörst du sie nicht?

 

Im Delirium abgeklungen sehne ich mich nach dem Wesentlichen meines tiefsten Unterbewusstseins. Sie erscheint nur hier, vor mir, die groteske Muse, feierlich im flammenden Kleid auf mich hinableuchtend. Blieb sie doch als Relikt in meinem Innersten stecken, zu stolz und entschlossen, um sich in goldener Knechtschaft wähnend zu verstecken.

 

 

Feuerrot regiert sie über rasende Wut, die sich von fortwährender Scheinheiligkeit nährend so schlagartig wie über alle Sinne erhaben in mir aufsteigt. Sie entfacht die ruhende Glut, vererbt in meinem klagenden pulsierenden Blut.

 

 

Meine Seele ist zwar vom Jenseits befangen, mein Wille jedoch im Diesseits gefangen. Ich werde zum Zeugen, zum Zeugen einer Menschheit, deren Sünden sich ewig als praktizierter, weil akzeptierter Verfall entschädigen und die entstandenen Übel den überflüssig Wütenden überlassen.

 

 

Ich bleibe tatenlos, tatenlos in einer Gesellschaft, die der Resignation vor dem Sündenfall dankbar huldigt, die Visionen einer wahrlich besseren Welt im Keim erstickt und meinesgleichen bis zur Selbstaufgabe entmutigt. Denn „Deutsch“ zu sein heißt plötzlich “rein” zu sein, heißt fein zu sein, heißt nicht mein zu sein, heißt für mich,

für sie Abschaum zu sein.

 

 

Ich ersticke nahezu am braunen Abschaum, am alltäglichen Dreck, er putzt sich nicht einfach weg, er lässt mich nicht los, die Not ist groß. Ich ertrinke geradezu im braunen Schlamm, er verschluckt und verhärtet zum undurchdringlichen Wall, verehrt als verfälschtes Sakral der Unbarmherzigen.

 

 

Nur die flammende Muse hält dem ganzen Grauen stand. Sie streckt ihre Hand gegen die undurchdringliche Wand und erlöst meinen Körper, bringt meine kleine, unwürdig erscheinende Existenz zum Leuchten. Der Hass bestimmt zwar unsere Präsenz, doch die Wärme ihres trauernden Herzens bestimmt ihre Existenz, bestimmt meine Existenz, denn Barmherzigkeit ist die Konsequenz.

 

 

Ich wache auf und begebe mich im Morgengrauen auf verwahrloste Gehwege abseits vergangener Verbrechen, um an verblassten Pflastersteinen zu trauern.

Nacht für Nacht, in Totenstille lausche ich ihnen ehrfürchtig, den Stimmen vergangener Generationen, die uns noch heute von Geschichten makabrer Sünden erzählen.

Siehst du sie nicht?

 

 

Für Mevlüde.

 

 

Bild: firesam! CC