Extremisten

Während des G20-Gipfels erlebten viele junge Menschen, was es bedeutet einer entfesselten Polizeigewalt teilweise ohnmächtig gegenüberzustehen und in den Medien als Extremisten diffarmiert zu werden. Noch immer sitzen Teilnehmer der Proteste in Untersuchungshaft und gegenwärtig werden teils drakonische Strafen verhängt. Unsere YMB-Autorin hluhmann verarbeitet in ihrem Beitrag ihre Erfahrung mit G20 in Hamburg.

 

 

Wasserwerfer der Hamburger Polizei im Einsatz während des G20 Gipfels
Wasserwerfer der Hamburger Polizei im Einsatz während des G20 Gipfels

 

EXTREMISTEN! LINKSAUTONOME! GEWALTTÄTER! BRENNENDE AUTOS! DER TOBENDE MOB! VERMUMMUNG! FLASCHENWERFER! GEWALT! STEINEWERFER! FEUER! CHAOS! BÜRGERKRIEGSZUSTÄNDE! SCHIESSBEFEHL! UNSERE JUNGS, ÜBERARBEITET, 30-STUNDEN-SCHICHTEN! HUNDERTE VON VERLETZTEN POLIZISTEN! EINMALIG IN DER DEUTSCHEN GESCHICHTE! WIR MÜSSEN DURCHGREIFEN! VON DER POLIZEI GING KEINE GEWALT AUS! VON DER POLIZEI GING KEINE GEWALT AUS! VON DER POLIZEI GING KEINE GEWALT AUS!

 

White noise

 

Vielleicht lief ich inmitten eines Demonstrationszuges an einer Reihe Polizist*innen vorbei und zeigte ihnen meinen nackten Mittelfinger. Vielleicht schrie ich wie von Sinnen und wünschte ihnen gebrochene Gelenke und Dauerdurchfall. Vielleicht erblickte ich auch den Wasserwerfer, ein überdimensionaler, dunkelblauer Koloss und fühlte mich ohnmächtiger denn je. Vielleicht ging mir immer und immer wieder eine Zahl durch den Kopf: zwanzigtausend, zwanzigtausend, zwanzigtausend.

 

Das soll gesagt werden: Die Polizei ist Teil der staatlichen Exekutive und hält das Gewaltmonopol aufrecht. In dieser Gesellschaft leben wir, jeden Tag. Auch, wenn uns gerade nicht die geballte Faust eines Beamten mitten ins Gesicht trifft.

 

Vielleicht bin ich nicht wirklich wütend, sondern desillusioniert. Vielleicht habe ich unterschwellig trotzdem an das Demonstrationsrecht geglaubt und an den Rechtsstaat. Vielleicht bin ich zuvor in meinem Leben noch nie so gerannt, gepackt von Panik und völlig orientierungslos. Vielleicht habe ich das ekelhafte Kratzen von Pfefferspray in meinem Rachen gespürt und mich gewundert –  weil die Sonne so goldgelb auf uns schien und der Hamburger Hafen so verzaubert glitzerte.

 

Auch das soll gesagt werden: die vorsätzliche Beschädigung eines Fahrzeuges nennt sich „Sachschaden“. Wie wollen wir den Terror durch gepanzerte Polizist_innen nennen, die ihren Dienst durchführen? Wie wollen wir die Knochenbrüche nennen? Wie die psychischen Traumata?

 

BIS ZU 8000 GEWALTBEREITE! DIE HAMBURGER, SIE LEBEN MIT DER ANGST VOR GEWALT! 1000 VERMUMMTE! FEUERWERKSKÖRPER WURDEN GEWORFEN! FLASCHEN! DIESER SCHWARZE BLOCK KANN NICHT UNTER KONTROLLE GEBRACHT WERDEN!

 

White noise

 

Diese Gewalt, diese gewalttätigen Extremisten! Wie können sie es wagen, den geregelten Ablauf zu stören? Demonstriert doch davor oder danach oder ganz woanders! Diese gewalttätigen Extremisten, sie akzeptieren den Rechtsstaat nicht! Sie suchen die Auseinandersetzung mit der Polizei! Demonstriert doch friedlich, macht doch Yoga, malt doch hübsche Eine-Welt-Bilder, singt doch im Chor!

 

ES SIND 10 PORSCHE WAGEN IN BRAND GESETZT WORDEN! PORSCHE! PORSCHE!

 

Beschützt mich, beschützt meinen Vorgarten, meine Autos und meine Gartenzwergsammlung! Beschützt mich vor Andersdenkenden, vor kriminellen Ausländern und Linksextremisten! Beschützt mich vor den Leichen im Mittelmeer! Beschützt mein Recht auf Ignoranz! Und den Tatort am Sonntag!

 

Vielleicht las ich den Verfassungsschutzbericht und lachte laut auf. Vielleicht lachte ich auch nur, weil die alternative ein bitteres Aufheulen wäre.

 

Bild: Konrad Lembcke CC