Aladdin und Almanya

Wie stellt man sich in Deutschland noch heute den „Orient“ vor? In jedem Fall ganz anders, fast schon als das komplette Gegenteil. Wozu führt diese Abgrenzung? Und was hat das Hamburger Musical Aladdin damit zu tun?

 

Orientalistische Musicalwerbung Aladdin
Werbung für das Musical Disney’s Aladdin in Hamburg
Aladdin in Hamburg

 

Letztens ist mir in Hamburg diese Werbung für das Aladdin-Musical aufgefallen, das anscheinend wieder groß beworben wird. Premiere war schon 2015 – damals hieß Hamburg „den Helden des orientalischen Königreichs Agrabah herzlich willkommen“. Das stage theater Hamburg verspricht nun, den „Zuschauer in die magische Welt des Orients“ zu entführen.

Was geht Leuten wohl durch den Kopf, wenn sie sich dieses Musical reinziehen? Denken sie an europäischen Kolonialismus und den immer noch anhaltenden zerstörerischen Einfluss des „Westens“ im „Nahen Osten“? Oder gönnen sie sich einfach mal, die Gedanken an Gewürze, Shisha und Teppiche schweifen zu lassen und nicht die ganze Zeit das Leid vor Augen zu haben, das der deutsche Staat mit zu verantworten hat (ich sage nur Waffenlieferungen, Nato Unterstützung, dies das halt).

Die in diesem Musical abgelieferte Darstellung dessen, was in Almanya als Orient verstanden wird, hat (offensichtlicherweise) nichts mit irgendeiner Realität zu tun. Ok, an sich haben Musicals oder Filme als eine Form der Geschichtenerzählung ja auch nicht unbedingt was mit der Realität zu tun. Warum also überhaupt die Mühe machen, sich über dieses Musical aufregen, wenn sich auch einfach sagen ließe: „Hey schöne Story mit Liebe und so, ist doch nur ein bisschen kurzweiliger Zeitvertreib“?

 

Orientalismus und das Abendland

 

Musicals wie dieses und insbesondere die Geschichte von Aladdin, die im „Westen“ seit fast 200 Jahren immer wieder adaptiert wird, tragen enorm dazu bei, wie bestimmte Regionen dieser Welt und Personen, die ihnen zugeordnet werden, wahrgenommen werden. Das Stichwort dazu heißt Orientalismus. Der Begriff beschreibt den westlichen, eurozentrischen Blick auf den sogenannten Orient und die damit einhergehenden Klischees, Bilder und Fantasien. Der Orient ist dabei kein klar definierter Ort, sondern eine Fantasie des „Westens“. Nach Edward Said, der den Begriff mit seinem gleichnamigen Buch von 1978 geprägt hat, handelt es sich um ein „Wissenssystem über den Orient“, das benutzt wurde um die eigene, westliche koloniale und imperialistische Herrschaft abzusichern. Das heißt, dass das gesammelte „Wissen“, bei dem es sich eben um Klischees, Fantasien, erfundene Bilder etc. handelt dazu genutzt wurde, eine kulturelle Dominanz herzustellen, die eine Grundlage der kolonialen Herrschaft bildete. Dabei stehen der Orient (Morgenland) und der Okzident (Abendland) in einer gegenseitigen Abhängigkeitsbeziehung. Das „Abendland“ wird als Gegenteil des „Morgenlandes“ konstruiert, das heißt es wird über die Abgrenzung zum Orient definiert. Orient und Okzident produzieren sich quasi gegenseitig.

 

Aufklärung und Fortschritt

 

Europa wird immer als der Hort der Aufklärung und das Zentrum des Fortschritts dargestellt. Doch unter anderem die Erfindung des Orients hat erst entscheidend dazu beigetragen, dass das „Abendland“ sich genau im Gegensatz zum „Morgenland“ als aufgeklärt, fortschrittlich etc. bla bla darstellen konnte und immer noch kann. Du kannst halt nur fortschrittlich sein, wenn du irgendwas hast, was weniger fortgeschritten ist als du. Das funktioniert ohne die Abgrenzung nicht, ob es jetzt der Ausländer, der Türke, der Islam oder der Orient ist von dem Europa sich abgrenzen muss.

(Ganz nebenbei: diese ganze Aufklärung passierte ungefähr zeitgleich mit der massenhaften Unterwerfung, Ermordung und Versklavung von Menschen auf der ganzen Welt. Aufgeklärt, zivilisiert und fortschrittlich sein war in Europa gleichzusetzen mit Mord und Unterdrückung. Die Doppelmoral dahinter ist aber lange nur sehr wenigen dieser prestige-aufgeklärten Personen aufgefallen.)

 

Sexuelle Fantasien des Abendlandes: Harem und Bauchtanz

 

Ein Beispiel für Orientalismus ist etwa die Fantasie, dass der Harem ein Ort sexueller Freizügigkeit und permanenter Verfügbarkeit weiblicher Körper für „orientalische“ Männer war, wo Frauen die ganze Zeit halbnackt Bauchtanzen. Während im „Orient“ in den Harems eine zügellose Lust herrschte, waren die Leute in Europa „aufgeklärt, rational und vernünftig“. Oder wohl eher sexuell frustriert – jedenfalls wirkt das beim Anblick der „abendländischen“ Malerei und Literatur zu Harems und Bauchtanz ein bisschen so.

Ein sehr anschauliches Beispiel dafür ist das Buch „The Lustful Turk“ (Der lüsterne Türke) von 1828, ein englisches Buch das von der Entführung einer englischen Frau in einen Harem in Algier -der Hauptstadt des heutigen Algeriens (der lüsterne Türke, wohlgemerkt!) – , handelt. Das Buch beschreibt die dortigen Vorkommnisse (inklusive sexualisierter Gewalt) so bildhaft, dass der Autor dafür wegen Unzüchtigkeit verurteilt wurde. Dieses Buch dient hier als frühes Beispiel der orientalistischen und rassistischen Fantasie vom hypersexualisierten „orientalischen“ Mann und seines angeblich ach so unkontrollierbaren sexuellen Triebes. Zu welchem Thema haben wir das hierzulande nur gehört in letzter Zeit…?

 

Das Thema sexuelle Befreiung heute

 

Dass Europa als fortschrittlich dargestellt wird zeigt sich heutzutage zum Beispiel daran, dass „Europa“ als Hort sexueller Freiheit gefeiert wird, zum Beispiel wenn Regierungen die Regenbogenflagge hissen. Oft wird im gleichen Atemzug darauf verwiesen wie mies die Lage in anderen Staaten doch wäre was LGBTIAQ-Rechte angeht: „Ist doch aber so in XXX (Land des Tages einfügen)?“ Hadi canım. Klar ist die Lage an manchen Orten zB. was die gleichgeschlechtliche Ehe angeht nicht so rosig, danke Captain Obvious. Aber durch den Verweis auf die Situation in anderen Staaten wird es einfach zu leicht, sich selbst in dieser einen Frage als ach-so-befreit dazustellen. Anstatt sich direkt über einen Vergleich abzugrenzen wäre eine andere Option, sich auch mal ernsthaft mit sich selbst zu beschäftigen.

Dass noch vor 25 Jahren Sex zwischen Personen des männlichen Geschlechts nach § 175 des deutschen StGB strafbar war fällt vor lauter Abgrenzung nämlich schnell unter den Tisch. Wie sexuell befreit kann ein Land sein, wenn sich ein Großteil der Bevölkerung die staatliche Sanktionierung von Sex zwischen Männern erinnern kann? Und in dem die Betroffenen dieser Gesetzgebung noch immer nicht vollständig rehabilitiert wurden?

Dieser Abgrenzungsmechanismus lässt darüber hinaus unter anderem den Einfluss des europäischen Kolonialismus und Imperialismus auf die Sexualmoral an verschiedenen Orten der Welt bis heute außer Acht. Zudem wird angenommen, dass die Art und Weise wie sexuelle Befreiung in Europa bzw. dem sogenannten „Westen“ angegangen wird (z.B. durch eine Pride Parade) die einzig richtige ist. Dabei geht der Blick für andere Wege, die eigene Sexualität auszuleben verloren.

 

Touristische Blicke auf den „Orient“

 

Im Buch „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ von Selim Özdoğan reist Krishna Mustafa von Freiburg nach Istanbul, um seine Identität zu finden. Dort trifft er auf Derya, die Reisen für Tourist*innen organisiert. Sie unterhalten sich über die Erwartungen von Deryas Kund*innen an ihren Aufenthalt in Istanbul:

Krishna Mustafa:

„Aber wenn die Deutschen doch Bauchtanz wollen, sage ich. Wieso sollen sie dann keinen bekommen?“

Derya:

„Das ist doch bloß Folklore. Orientalismus. Sie wollen sich gar nicht auf dieses Land einlassen, sie wollen bloß ihre Vorurteile bestätigt haben.“

 

Dieser Dialog zeigt sehr schön, wie die Konstruktion des Orients und der dazu gehörenden Bilder sich zum Beispiel im Bereich des Tourismus im 21. Jahrhundert auswirkt. Nicht dass es per se schlecht ist, wenn Menschen vor Ort daran verdienen, dass Tourist*innen Geld ausgeben. Doch wenn Leute mit vorgefertigten Bildern in ein Land fahren, nur um sich diese Bilder bestätigen zu lassen, sagt das eine Menge über diese Reisenden, nicht aber über das bereiste Land aus.

 

 

Orientalismus in Almanya: Die Anderen passen nicht zu Deutschland

 

Wenn in Deutschland alle möglichen Leute in letzter Zeit darüber schwafeln, dass die „Kultur des Orients“ (oder auch Islam, Naher Osten, Türkei, „Arabien“, Nordafrika usw., was halt grade passt) einfach nicht nach Europa gehört, ist relativ klar warum es immer noch relevant ist sich darüber Gedanken zu machen. Vor allem wenn Gesetzesänderungen wie die Asylrechtsverschärfungen mit ähnlichen Argumenten begründet werden. Die gesamte Diskussion um das „Zusammenpassen“ von verschiedenen „Kulturen“ (siehe nur Sarrazin) beeinflusst auch die rassistische Diskussion um Staatsangehörigkeit, Abschiebungen und Asylrecht. Und wenn Musicals wie das oben genannte Disneys Aladdin die Bilder über das „Andere“, hier den „Orient“, mitbeeinflussen dann tragen auch sie am Ende des Tages dazu bei, dass der „Orient“ als nicht mit dem „Abendland“ vereinbar angesehen wird. Ich will hier keine direkte Verbindung zwischen dem Musical und Abschiebungen durch den deutschen Staat herstellen. Nichtsdestotrotz gehört das Musical zur übergeordneten Struktur, die dazu führt dass ein bestimmtes Bild von einem erfundenen „Orient“ weiterhin besteht. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass neurechte Bewegungen diese Rhetorik und Denktradition aufgreifen und sich als “Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes” (Pegida) verstehen…

Ich zitieren nochmals Krishna Mustafa: „Aber wenn die Deutschen doch Bauchtanz wollen, sage ich. Wieso sollen sie dann keinen bekommen?“

Deshalb.

 

Weiterführende Links:

www.academia.edu/4439059/Das_Aladdin-Syndrom_Zur_Ph%C3%A4nomenologie_des_narrativen_Orientalismus

www.academia.edu/4221270/_Its_barbaric_but_hey_-_its_home_The_representation_of_the_Orient_in_Walt_Disneys_Aladdin

susanorientalism.blogspot.co.uk/2009/03/stereotype-of-aladdin.html

filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=3492

 

Bild: © privat

One Comment

  1. Pingback: Deutsche Haremsphantasien - Young Migrants

Comments are closed.