Zorn und Blut am Nil

Unser Gastautor berichtet von seinen Erlebnissen als Kind in Kairo zur Zeit des Arabischen Frühlings 2011.

 

Arabischer Frühling Kinder Revolution Ägypten
Menschenmenge auf dem Tahrir Platz in Kairo 2011

Vor der Revolution interessierte mich Politik nur wenig. Alles was ich wusste war, dass unser Präsident ein Diktator ist. In den ersten drei Tagen der ägyptischen Revolution war es noch ruhig bei uns. Alles was ich gesehen habe, waren die Bilder von den mutigen Demonstrant*innen, die keine Angst vor den bewaffneten Polizisten hatten.

Am Freitagnachmittag, es war der 28. Januar, habe ich erst bemerkt, dass wirklich etwas los war. Nachrichten sind reingekommen, dass die Polizei nach einer beschämenden Niederlage gegen die Demonstrant*innen von den Straßen verschwunden war und dass viele Gefängnisse aufgebrochen und viele große Märkte und Geschäfte geplündert worden waren und dass die ägyptische Armee nach ein paar Stunden Kairo erreichte, um die Lage zu kontrollieren. Trotzdem haben die Hausmeister und Männer angefangen, sich zusammenzusammeln, um leicht bewaffnete Gruppen zu bilden, um Häuser, Museen, öffentliches und privates Eigentum zu schützen. Ich hatte gemischte Gefühle. Auf der einen Seite war ich froh, dass die Proteste erfolgreich waren, aber auf anderen Seite hatte ich Angst davor, dass unsere Gegend von flüchtigen Gefangenen angegriffen und geplündert würde, besonders da nicht weit von uns entfernt ein großes Gefängnis lag. Nachts ist es nicht besser geworden. Man konnte Schießereien hören, auch nachdem die Armee in Kairo angekommen war.

In den nächsten Tagen habe ich intensiv die Nachrichten verfolgt. Am 31. Januar wollte mein Vater, dass mein Bruder und ich zum Tahrir-Platz gingen, weil dies ein historisches Ereignis in der Geschichte Ägyptens war. Da es das erste Mal für mich war, hatte ich Angst, besonders da man noch die Überreste von den gewaltigen Kämpfen zwischen der Polizei und den Demonstrant*innen sehen konnte, wie Steine, durchgebrannte Polizeiautos, den Überresten von Patronen und natürlich der Zustand des Gebäudes, wo der Hauptsitz der Partei lag, die Ägypten für 30 Jahre regiert hatte. Das Gebäude war in Flammen aufgegangen. Die Lage am Tahrir-Platz war noch ziemlich angespannt, deshalb sind wir auch nicht lange dort geblieben.


Man hatte damals noch große Hoffnung

 

In den nächsten Tagen ist es von der Gewalt her ruhiger geworden, aber die Proteste wurden immer größer. Am 10. Februar sind wir zusammen mit der Familie von einem Freund erneut zum Tahrir-Platz gegangen. Ich war fröhlicher als beim ersten Mal und die Atmosphäre war viel besser und ruhiger und man konnte die Solidarität des ägyptischen Volkes sehen. Da waren Leute aus verschiedenen gesellschaftlichen und religiösen Schichten auf dem gleichen Platz und sie hatten alle dieselben Ziele und Forderungen. Ich war sehr stolz, dass ich an der ägyptischen Revolution teilgenommen habe.

Der nächste Tag war der große Tag für Ägypten. Abends hörte ich plötzlich Schießereien und direkt danach sind die Nachrichten bei uns angekommen:

MUBARAK IST WEG!

Direkt danach sind wir auf die Hauptstraße gegangen, um dort mit den Leuten den historischen Sieg zu feiern. Man hatte damals noch große Hoffnung, dass es in Ägypten besser wird, doch diese Hoffnung hat nicht lange angehalten…


Nach der Revolution

 

Viele Leute waren froh, dass das Militär Ägypten regierte bis ein neuer Präsident gewählt wurde. Anfangs hatte ich noch nichts gegen das Militär, aber ich fand, dass es eigentlich nicht zum Regieren da wäre. Meine Meinung darüber wurde zunehmend schlechter, besonders nachdem das Militär – nicht lange nach dem Ende der Revolution – damit begann, die Proteste anzugreifen. Diese kritisierten, dass die Präsidentschaftswahlen und der Gerichtsprozess von Mubarak und seine alte Regierung sich immer länger hinzogen. Ich war auch bei verschieden Protesten gegen das Militär im April, im Mai und im Juni auf dem Tahrir-Platz dabei. Nach mehreren Monaten sahen viele Menschen, dass es keinen Unterschied zwischen Mubarak und dem Militär gab.

Nach eineinhalb Jahren, im Juni 2012 nach der Revolution, wurde endlich ein Präsident gewählt, aber es war doch nicht das, was die Leute erhofften. Der Präsident, der die Revolutionäre wirklich repräsentierte, kam in der ersten Runde nur auf den dritten Platz. Zwei andere sind stattdessen weitergekommen. Einer der beiden gehörte zur Muslimbrüderschaft (Mohamed Morsi). Der andere gehörte zu Mubaraks alter Regierung (Ahmed Shafiq). Meine Meinung war, dass beide nichts Gutes für Ägypten wollten, aber viele haben Mohamed Morsi trotzdem gewählt, auch wenn sie nicht zufrieden waren und nur, damit Ahmed Shafiq nicht gewinnt und die alte Regierung zurückkehrt. Ich war enttäuscht, weil das eigentlich nicht das Ziel der Revolution war, aber viele meinten, dass man ihm trotzdem eine Chance geben sollte, da die Islamisten Ägypten nie regiert hatten.


Neue Proteste flamen auf

 

Die ersten paar Monate waren ruhig, aber die Demonstrationen haben Ende November erneut begonnen, weil Mohamed Morsi viele Entscheidungen getroffen hatte, die ihn zu einem absoluten Diktator machten. Ich war ein paarmal mit meiner Familie am Tahrir-Platz,  einmal, Anfang Dezember, als die Polizei auf die Demonstrant*innen scharf geschossen hatte und es Tote und viele Verletzte gab. Ich stand aber natürlich nicht in den vorderen Reihen, weil die Organisator*innen der Demonstration es nicht erlaubt haben, da es extrem gefährlich war. Nachts war es sehr gefährlich geworden, so dass wir den Ort sofort verlassen mussten. Ein anderes Mal, am 25. Januar 2013, genau zwei Jahre nach dem Beginn der Revolution gab es eine Demonstration, die bei uns an der Ecke (El-Maadi) begonnen hat und die am Tahrir-Platz endete. Wir sind ungefähr sieben Stunden gelaufen. Als wir am Tahrir-Platz angekommen sind, war es schon nachts und die Polizei hatte angefangen, die Menge am Platz aufzulösen. Viele Straßen wurden gesperrt, man hörte Schießereien und es wurde Tränengase eingesetzt. Genau 30 Minuten nachdem wir den Platz verlassen hatten, hat die Polizei den Tahrir-Platz gestürmt. Viele Demonstrant*innen wurden erschossen oder verhaftet. Diesmal waren die Proteste nicht erfolgreich.

Nach mehreren Monaten haben sich die Leute entschieden, am 30. Juni zu protestieren. Meine Eltern erlaubten mir nicht mit dabei zu sein, weil die Muslimbrüderschaft angekündigt hatte, dass jede*r der/die gegen sie protestiere, “geschlachtet” würde. Nach vier Tagen wurde Mohamed Morsi durch einen „Militärputsch“ entmachtet, wegen der enormen Massen von Demonstranten, die bis zu 25 Millionen geschätzt wurden. Ehrlich gesagt war ich damals sehr froh, weil er wirklich nicht besser als Mubarak war, aber was dann gekommen ist, war noch schlechter. Viele meinten, dass das was passiert ist, ein typischer Anfang von einem Bürgerkrieg sei. Deshalb hatte das Militär ein gewaltsames Vorgehen gegen alle islamistischen Demos beschlossen, die ebenfalls größtenteils bewaffnet waren, damit kein weiterer Widerstand möglich war. In den nächsten Monaten sind Hunderte oder sogar Tausende von Leuten getötet worden, die gegen das Militär eingestellt waren. Das bekannteste Ereignis war das Rabaa Massaker, bei dem mindestens 1000 Leute getötet wurden. In den nächsten Monaten entschieden sich die Islamist*innen jede Woche Freitag nach dem Freitagsgebet zu demonstrieren und das war dann auch lange so. Ihr Protest war aber nicht immer friedlich. Es gab zahlreiche Bomben, die überall – besonders in Kairo und Sinai – gelegt wurden. Ein Ort in der Nähe von uns wurde eines Nachts mit Bazookas bombardiert.

Eines Freitags als ich bei meiner Oma war, gab es wie gewohnt eine Demonstration nach dem Freitagsgebet, die von einer nahegelegenen Moschee ausging. Plötzlich haben die Leute von der anderen Straßenseite die Häuser auf unserer Seite angestarrt. Anfangs dachten wir, dass sie ein christliches Geschäft erwischt hätten, da sie zu dieser Zeit viele Geschäfte, die christliche Besitzer*innen hatten, plünderten und Kirchen abbrannten. Aber die Demonstrant*innen guckten direkt zu uns. Sie waren sehr wütend und wollten das Haus abbrennen und haben Steine geworfen und schrien. Sie haben versucht, die Haustür unten aufzubrechen, aber da sie aus Metall war und abgeschlossen, konnten sie nicht ins Haus gelangen. Ich war mit meiner Mutter, meiner Oma und einigen Nachbar*innen auf dem Balkon im ersten Stock und versuchte sie zu beruhigen, um zu verstehen, was überhaupt das Problem war. Da die Straße allgemein immer überfüllt ist und die Demo nicht so groß war, zogen sie sich zurück, da auch manche Demonstrant*innen wollten, dass ihr Protest friedlich blieb. Nachher haben wir herausgefunden, dass Nachbar*innen im vierten Stock Flaschen auf die Demonstrant*innen geschmissen und sie somit beleidigt hatten, was auch davor an anderen Orten passiert war, wo es auch manchmal mit verbrannten Häusern und Toten endete. Da hatten wir schon Glück gehabt.


Eins haben wir gelernt

 

In den nächsten Monaten passierte nichts Neues. Nach ungefähr einem Jahr wurde Abdel Fattah El Sisi (der Führer des Militärputsches) als Präsident Ägyptens gewählt. Aber es war wirklich damals so, dass richtig viele Menschen ihn wollten, da sie ihn als ihren Retter von der Muslimbrüderschaft ansahen. Aber die Stimmung wurde immer schlechter, da er seine Versprechen nicht erfüllte und das Land nicht entwickelte und vor allem die Preiserhöhungen von Lebensmitteln und Treibstoffen nicht unter Kontrolle brachte.

Also eine richtige Demokratie und Freiheit ist unter der Herrschaft von El Sisi nicht in Sicht. Jetzt, sechs Jahre nach der Revolution hat sich nichts geändert. Die Ägypter*innen haben noch dieselben Forderungen und leben in einer absoluten Diktatur, genau wie unter der Regierung, die Ägypten sechs Jahre zuvor regiert hat. Ob sich das noch verändert, weiß niemand. Aber eins haben wir gelernt: Mut zu haben, gegen die Regierung zu protestieren.

Omar, 15 Jahre

Bild: mbaudier  CC